OLDENBURG - OLDENBURG - Jugendliche haben zunehmend Schwierigkeiten, den passenden Platz in einer Welt zu finden, die selbst ständigen Veränderungen unterworfen ist. Die Vielfalt an möglichen Lebensentwürfen erschwert die Suche nach einer eigenen, unverwechselbaren Identität anstatt sie zu erleichtern. Darauf hat der Entwicklungspsychologe Professor Dr. Malte Mienert (Bremen) zum Auftakt der „Eltern-Universität“ gestern an der Universität Oldenburg hingewiesen. Die heute endende Eltern-Uni ist Bestandteil der Pädagogischen Woche; sie will Probleme der Erziehung in Elternhaus und Schule aufnehmen und Lösungsvorschläge bieten.

Der Wissenschaftler warb um Verständnis für von den Eltern bisweilen als „schwierig“ empfundene Jugendliche, die enorme Herausforderungen bewältigen müssten: Die Gesellschaft stelle ihnen einerseits eine Fülle von Entwicklungsaufgaben quasi als Eintrittskarte in die Erwachsenenwelt, sie könne den Jugendlichen andererseits aber keine konkreten Wege weisen, wie man richtig erwachsen wird. Und wenn sich die Erwachsenenwelt dann in der Werbung als eine extrem jugendliche Welt darstelle, sei dies für junge Menschen „wie ein Kochtopf im Kopf, in dem alles umgerührt wird“.

So sei es durchaus normal, dass Jugendliche mit verschiedenen Identitäten experimentieren, neue Identitäten erproben und nach Alternativen suchen, sagte Mienert. Verpflichtende Festlegungen auf einen bestimmten Lebensentwurf gebe es allerdings heutzutage deutlich weniger als noch in vergleichsweise ruhigeren Zeiten der Vergangenheit: „Der gesellschaftliche Boden schwankt“, erläuterte der Wissenschaftler, dies begünstige die Entwicklung von „Surfer-Typen“ mit diffusem Persönlichkeitsprofil, die immer weniger bereit seien, sich für die Gesellschaft zu engagieren.

Der von Erwachsenen ungeliebte Jungendprotest sei keine Erscheinung unserer Zeit, sondern ein Stück historischer Kontinuität, betonte Mienert: „Jugendliche haben sich schon immer von der Erwachsenenwelt abgegrenzt und der Rest der Gesellschaft hat sich dagegen gewehrt, um die Zustände zu konservieren.“ Letztlich vergeblich, denn stets seien es die Jungendlichen gewesen, die beispielsweise in der Musik oder beim Lebensstil neue Akzente gesetzt und alte Dogmen ins Wanken gebracht hätten. „Am Ende haben die Erwachsenen dann die neuen Jacken angezogen, die die Jugend hingehängt hat“, so Mienert.