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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung Bildung

Forschung Im Sport: Darum ist Bewegung für Kinder so wichtig

30.10.2019

Oldenburg Von einem Paradies zu reden, verbietet sich. Doch Kinder fanden eine paradiesische Herausforderung inmitten von Trümmerhalden in der Nachkriegszeit. Sie spielten auf den zerstörten Flächen vier bis fünf Stunden am Tag mit Freunden, tobten sich aus, unterliefen jede elterliche Kontrolle, lernten Eigenverantwortung und bauten verschworene Gemeinschaften auf, die oft ein Leben lang hielten.

„Das waren tolle Zeiten“, sagt auch Prof. Dr. Werner Schmidt, wobei er sich in keiner Weise auf die äußeren Zustände bezieht. Doch Kinder haben sich unaufhaltsam eingrenzen lassen – vom Straßenspiel weg in den Radius der Playstation und des übervollen Terminkalenders. Der Oldenburger Sportwissenschaftler (70), der bis zum Frühjahr 2018 an der Universität Duisburg-Essen gelehrt hat, zeigt alarmierende Verluste auf: „Legt man heute als Richtlinie bloß 60 Minuten an körperlicher Mindestaktivität zugrunde, dann erreichen selbst diesen Maßstab nur noch 25 Prozent der Sechsjährigen und zehn Prozent der Zwölfjährigen.“ Das sitzt.

Schmidt hat als Autor viel über Bewegungs-Diebstahl, Bewegungs-Verhinderung, Bewegungs-Verzicht und die Folgen für Individuum und Gesellschaft geforscht und geschrieben. Im gerade erschienen achten Band der Reihe „Kinder – Jugend – Sport – Sozialforschung“ erweitert er unter dem Titel „Kinder- und Jugendsportkultur 1968 – 2018. Auf den Anfang kommt es an“ frühere Erhebungen durch aktuelle Erkenntnisse. Weil sich seit den Pisa-Studien Schulen auf die Hauptfächer konzentrieren, dann folgert Schmidt daraus: „Weil musische Fächer und Sport runterfallen, kommen Kindern motorische Fähigkeiten, körperliches Wohlbefinden und messbare Lernfähigkeiten abhanden.“

Zahlen gefällig? Konzentration ist von Bewegung oder Nicht-Bewegung abhängig. Beginnen alle Kinder die erste Stunde bei einem fiktiven Aufmerksamkeitsfaktor von 150, so sinkt dieser Wert bei Unterricht rein im Sitzen bis zur fünften Stunde auf 80. Bei einer Gestaltung mit zwei großen Pausen bleibt die Konzentration in etwa gleich. In einer so genannten bewegten Schule erhöht sich die Aufmerksamkeit hingegen auf den Wert 240. Den Schulweg absolvieren bis zum zehnten Lebensjahr noch 40 bis 50 Prozent der Kinder zu Fuß. Mit elf und zwölf Jahren sind es nur noch 20.

Die Folgen? Koordinationsstörungen treten bei jedem dritten Schulanfänger auf – 1986 bei acht Prozent, 2013 bei 30. Sprachstörungen hat jedes vierte Kind – 1986 neun Prozent, 2013 schon 25. In die Kategorie „stark beleibt“ fällt jedes fünfte Kind – 2015 hatten 20,0 Prozent Übergewicht und 5,4 Prozent Adipositas.

„Wer sich in der Kindheit nicht bewegt, wird sich auch später nicht bewegen, aus unfitten Kindern werden leicht unfitte Erwachsene“, stellt Schmidt fest. Von 19,5 Stunden pro Woche 2003 ist der Medienkonsum bis 2018 auf 42,5 Stunden gestiegen. Eine intensive Terminkultur verknappt weitere Bewegungszeiten. 1992 hatten 23 Prozent aller Kinder in der Woche über die Schule hinaus drei und mehr größere Termine zu absolvieren – inzwischen sind es 69 Prozent.

Eine spezielle Auflistung bringt den engagierten Wissenschaftler in Rage: Die Zusammenstellung der Sportstunden in Grundschule und Gymnasium. Mit Fußballer-Galgenhumor könnte Ex-Fußballer Schmidt sagen: Willst du Niedersachsen oben sehen, dann musst du die Tabelle drehen! In der Tat belegt das Bundesland zusammen mit dem Saarland die beiden letzten der 16 Plätze. Niedersachsen bietet von der ersten bis zur zehnten Klasse nur je zwei Stunden Sportunterricht an, 20 also in allen Klassenstufen, oft auch mit fachfremden Lehrern. Die obere Hälfte hat 28 bis 30 im Plan stehen.

Die niedersächsische Begründung mutet abenteuerlich an. „Fast jedes Kind sei sowieso Mitglied in einem Sportverein“, zitiert Schmidt. „Da könne der pflichtmäßige Sportunterricht auf zwei Stunden reduziert werden.“ Wie das? Es gibt „elitäre“ Sportarten, da verzeichnen Vereine kaum Zulauf von Oberschülern sondern fast nur von Gymnasiasten. Selbst Fußball ist nicht mehr der Magnet für Unbewegte. Wie sollen jene vereinslosen Kinder und Heranwachsenden zum Sport finden, wenn nicht über die Schule? Fünf Stunden sitzend in der Schule zu verbringen, entspricht einem Drittel der täglichen Zeit.

Ein neutrales Zitat des Sportmediziners Jürgen Weineck: „Bewegungsmangel ist der Risikofaktor Nummer Eins unserer Gesellschaft.“ Gegen Herz-Kreislauf-Risiken gebe es kein ähnlich segensreich wirkendes Medikament.

Ein leicht hoffnungsvoll stimmendes Zitat von Werner Schmidt: „Es gibt bewegte Grundschulen, bewegte Kindergärten oder Waldkindergärten. Diese Einrichtungen zeigen, dass relativ schnell Defizite zu beheben oder zu verhindern sind.“ Man muss sie eben nutzen…

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