OLDENBURG - OLDENBURG - Depressionen im Kindes- und Jugendalter werden immer noch nicht ausreichend ernst genommen und sind mit ein Grund dafür, dass die Gewalt unter Jugendlichen zunimmt. Dies erklärte Dr. Joachim Niemeyer, Leiter des Landeskrankenhauses in Königslutter, auf der 55. Jahrestagung der Norddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Oldenburg, die vom Elisabeth-Kinderkrankenhaus Oldenburg unter der Leitung von Privatdozent Dr. Hermann Müller unter Mitwirkung von Professor Dr. Jürgen Seidenberg und Professor Dr. Christoph Korenke ausgerichtet wurde.
Als Auslöser für die Zunahme der Depression bei Kindern und Jugendlichen nannte Niemeyer eine zunehmende Verarmung der in die Hartz IV-Regelung abgerutschten Familien, die soziale Verwahrlosung schon von Vorschulkindern, Arbeitslosigkeit und damit verbunden oft erhebliche Geldprobleme, aber auch Umzüge, Kränkungen, Misshandlungen oder Tod eines Elternteils.
Kinder, die schon im Vorschul- bzw. Kindergartenalter derartiges erleiden müssten, würden oft alles in sich hineinfressen und kaum verarbeiten. Im Verlaufe des Heranwachsens entwickele sich dann aus der Depression Wut und gewaltsame Entladung mit schwerwiegenden Folgen.
Niemeyer bedauerte, dass Depressionen vor allem bei Kleinkinder unentdeckt blieben und räumte ein, dass eine Diagnose dieser Krankheit sich oft schwierig gestalte. Von daher sei es wichtig, dass bei der Reform der Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche bestimmte Fragen in die Untersuchung mit einbezogen würden. So sei es möglich, Symptome wie Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite oder sexuelle Manipulationen früh zu erkennen. und zu deuten.
Depressionen im Kindes- und Jugendalter seien mit die häufigste Todesursache, so Niemeyer. Nach seiner Einschätzung sind rund fünf Prozent der Kinder depressiv, andere Experten gehen von bis zu 18 Prozent aus. Während bei den Erwachsenen Frauen doppelt so häufig betroffen seien, halte sich die Zahl der an Depression leidenden Jungen und Mädchen die Waage.
Wegen Depressionen nehmen sich jährlich über 100 Kinder unter zehn Jahren und über 1500 Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren das Leben. Darüber hinaus unternehmen zwei von 100 000 Kindern einen Selbstmordversuch und etwa 14 von 100 000 Jugendlichen, wobei die Dunkelziffer, so Niemeyer, weit höher liege.
