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Mieten Verzweifelt gesucht: Ein Platz zum Leben

Karsten Krogmann

OLDENBURG - Da sind sie um 4 Uhr morgens in Potsdam losgefahren, und jetzt, vier Stunden und 400 Kilometer später, stehen sie vor verschlossenen Türen: Die Uni bleibt am Wochenende dicht, der Weg zum Schwarzen Brett im Foyer ist versperrt. Tatjana rollt mit den Augen, Jan seufzt und sagt: „Ich brauch’ einen Kaffee!“

Der Italiener an der Ecke hat zum Glück geöffnet, Jan bekommt seinen Kaffee, Tatjana bestellt Früchtetee, und jetzt setzen sie alle Hoffnung auf die Zeitung, die da ziemlich zerfleddert und kugelschreiberbekritzelt vor ihnen liegt. „Zehn sind es diesmal“, sagt Tatjana und lächelt: Zehn Inserate mit Wohnungen, das sind zehn neue Chancen. Überall haben sie bereits angerufen, „diesmal muss es klappen“, sagt Jan.

Tatjana Schmidt (20) will an der Universität Oldenburg Pädagogik studieren, ihr Freund Jan Kuschan (25) möchte seinen Master im Fach Hörtechnik machen. „Es soll auf jeden Fall Oldenburg sein“, sagt Tatjana.

Zum dritten Mal sind die beiden nun von Potsdam Richtung Westen gefahren, um sich eine kleine Wohnung zu suchen. Diesmal übernachten sie bei einem Freund von Jan in Bremen, beim letzten Besuch hatten sie sich ein Hotelzimmer genommen. Eine Wohnung fanden sie bisher nicht, „es gab immer nur Absagen“, klagt Tatjana.

Erinnerungen an die Wende

Klaus Kayser nickt, wenn er Geschichten wie die von Tatjana und Jan hört. Kayser sitzt im Anzug an seinem Computer in der GSG-Zentrale hinterm Bahnhof, seit 35 Jahren arbeitet er für die Wohnungsgesellschaft mit ihren 8500 Wohnungen. Jetzt druckt er gerade aktuelle Zahlen und Statistiken aus und sagt: „Auf dem Wohnungsmarkt haben wir wieder den Zustand von 1989/90, nach der Wende: Der Markt ist relativ zu.“

Kayser geht davon aus, dass die Nachfrage in den nächsten Wochen weiter steigen wird. „Wir haben den doppelten Abiturjahrgang und die Aussetzung der Wehrpflicht“, sagt er, „da werden die Anfragen spürbar zunehmen.“ Ein GSG-Mitarbeiter kümmere sich schon jetzt ganzjährig um Studenten-Anfragen, zwei weitere stünden nun auf Abruf bereit, um dem Kollegen bei zu großem Ansturm helfen zu können.

Wie groß der Ansturm werden könnte, weiß zurzeit niemand; noch laufen die Zulassungsverfahren an den Hochschulen. Fest steht nur: Die Universität hat laut Uni-Sprecher Matthias Echterhagen derzeit 14.000 statt zuletzt 10.300 Studienplatzbewerbungen vorliegen, und für die Jade-Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth sagt Sprecherin Anke Westwood: „Wir haben eine leichte Steigerung im erwarteten Rahmen.“

Ganz oben in der Uni hat Ted Thurner sein Büro; der 45-Jährige ist der Sprecher des Studentenwerks. Er spricht sehr klar und deutlich: „Es gibt in Oldenburg keine Wohnungsnot!“

Wohnungsnot sieht nämlich so aus, erklärt Thurner: Damals in den 90ern sei er in Freiburg zunächst mit 50 Kommilitonen in einer Turnhalle untergebracht worden, und anschließend sei kaum einer von ihnen näher als 50 Kilometer an die Uni herangekommen. „So ist die Situation hier nicht“, sagt Thurner trotzig, „und so wird sie nicht!“

Er begründet das auch: Die Studentenzahlen seien in Oldenburg seit den 90er Jahren gesunken, gleichzeitig sei die Zahl der Wohnheimplätzen gestiegen, 1463 gebe es derzeit. „Die Versorgungsquote liegt in Oldenburg bei 10,7 Prozent“, sagt Thurner, „das ist sehr gut.“ Zudem kämen viele Studenten aus der Region und würden deshalb gleich bei ihren Eltern wohnen bleiben. Auch die Mietkosten wertet Thurner als Indiz für seine „Es-gibt-keine-Wohnungsnot“-Theorie: Bei der letzten Sozialerhebung landete Oldenburg auf einer Liste mit 54 Uni-Städten auf Platz 49; in keiner anderen westdeutschen Stadt waren die durchschnittlichen Wohnkosten für Studenten geringer. Zum Vergleich: In München, Platz 1 auf der Liste, zahlen Studenten 348 Euro – 102 Euro mehr als in Oldenburg.

Thurner räumt aber mit Blick auf den doppelten Abiturjahrgang ein, dass es für Studenten auf dem Wohnungsmarkt in den kommenden zwei, drei Jahren „etwas enger“ werden könne: „Man muss Zugeständnisse machen, nicht jeder wird eine Wohnung in Uni-Nähe finden.“ Und Klaus Kayser von der GSG rät: „Es reicht nicht mehr, auf dem Sofa zu sitzen und E-Mails zu verschicken – wer eine Wohnung sucht, muss sich bewegen, muss zu den Vermietern hingehen!“

Sowohl Thurner als auch Kayser haben beobachtet, dass sich das Wohnverhalten der Studenten in den vergangenen Jahren verändert hat: weg von den großen Studenten-Wohngemeinschaften, hin zu Single- und Pärchen-Wohnungen. „In diesem Segment wird es natürlich besonders eng“, ahnt Thurner.

Gegenteilige Sorgen

Tatjana Schmidt sagt beim Italiener: „Wir haben unsere Wunschliste ordentlich ausgedünnt.“ Anfangs hatte das Paar eine 2- oder 3-Zimmer Wohnung in Uni-Nähe gesucht, inzwischen schaut es auch nach 1-Zimmer-Wohnungen und bis nach Bad Zwischenahn, sogar einen Makler schließen die Potsdamer nicht länger aus.

Tatjana trinkt ihren Früchtetee auf, sie will mit Jan ein paar Supermärkte nach Schwarzen Bretter durchkämmen. Später haben sie dann in einer Oldenburger Innenstadtwohnung einen Besichtigungstermin, die Adresse haben sie aus der Zeitung. „Hoffentlich nehmen die Studenten“, sagt Tatjana, „sonst verzweifle ich: Wir wollen endlich anfangen zu leben!“

Aber ist das schon Wohnungsnot, wenn ein freundliches Studentenpaar wochenlang nach einer Wohnung suchen muss?

Anke Westwood von der FH sagt: „Ich habe noch nie gehört, dass hier jemand keine Wohnung bekommen hätte.“ Und Ted Thurner vom Studentenwerk plagen längst gegenteilige Sorgen: „Spätestens ab 2015 werden die Studentenzahlen merklich sinken, dann kommen die geburtenschwachen Jahrgänge.“ Das Studentenwerk will sich deshalb langfristig von Wohnheimen mit wenig attraktiven Groß-WGs trennen, „wir müssen wirtschaftlich arbeiten“.

Aber vorerst soll alles bleiben, wie es ist. Turnhallen-Studenten wird es 2011 zwar nicht geben in Oldenburg, sagt Thurner, „dafür lege ich meine Hand ins Feuer“ – aber die Wohnheime werden auf jeden Fall voll werden.

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