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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung Bildung

Schleichendes Ende für alte Schrift

21.01.2012

OLDENBURG Klassische Bildung, sagt Karl-Wilhelm Henke, die sei schon so oft totgesagt worden. „Wer liest heute noch Cicero?“ Und doch, man sollte es tun, ist der 63-jährige Berufsschullehrer überzeugt. So, wie man auch Stenografie lernen sollte. „Wenn Sie das beherrschen, brauchen Sie nur 20 Prozent der Zeit, die andere fürs Schreiben benötigen. So schnell ist kein Computerprogramm zur Spracherkennung und auch kein modernes Mobiltelefon“, lacht der Herr Lehrer und setzt seinen Stift an.

„Oldenburg ist eine der schönsten Städte Deutschlands“, bringt Henke behände zu Papier. In einer Schrift, die der Laie für ägyptische Hieroglyphen halten könnte. Ganz so alt ist die Stenografie zwar nicht, aber sie gehört gewissermaßen zur klassischen Bildung, denn der Name der Schrift leitet sich aus den griechischen Wörtern stenos und graphein ab – eng und schreiben, im weitesten Sinne der Bedeutung. Und da sind wir dann doch in Ägypten, denn bis dorthin wiederum verbreiteten sich die Tironischen Noten, das Ur-Steno quasi, des Marcus Tullius Tiro, im Römischen Weltreich.

Tiro war Sekretär Ciceros, und da ist sie wieder die klassische Bildung, die Henke beschwört. Und was ist mit Stenografie und Stenogramm in der digitalen Welt? „Vergessen Sie’s“, lacht Henke. „Wer Steno beherrscht, hat ein trainiertes Gehirn und Gedächtnis.“ Forscher, begeistert er sich, gingen davon aus, dass Stenografie der Demenzerkrankung vorbeugen könne.“ Mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Irgendwie führen alle Wege nach Rom.

Zehntausende Mitglieder hatte der Deutsche Stenografenbund weiland. Karl-Wilhelm Henke war mal sein Präsident in den besseren Jahren. Heute steht auch eine Oldenburgerin an der Spitze. Hannelore Schindelasch führt den traditionsreichen Verband mit noch 8000 Mitgliedern, der in der Donnerschweer Straße sein Zuhause hat. Und alle, die ihm angehören, beherrschen mindestens die 130 Wörter des stenografischen Grundwortschatzes.

Ihr Vorgänger Henke, der seit 1971 Stenografie und Maschinenschreiben an einer höheren Handelsschule unterrichtet, will nicht klagen über den Verfall der Sitten bei der guten alten Bildung, aber er will es zumindest sagen.

„Da erzähle mir niemand etwas, wir machen es uns und den Schülern heute zu einfach. Und damit werden alle unterfordert. Ein wenig mehr Anspruch würde nicht schaden.“ Aus Henkes Schule ist die Kurzschrift inzwischen verschwunden, „weil es zu viele schlechte Noten gab“, wie er sagt. Im nächsten Jahr kehrt Henke der Schule den Rücken. Nicht verbittert, sagt er, aber doch enttäuscht, dass man die Ansprüche immer tiefer habe sinken lassen.

Wenn ein Mensch eine Leidenschaft hat, dann lebt er sie aus. So ist das mit Kurzschrift und Tastschreiben, den Unterrichtsfächern, die Henke seit Jahrzehnten lehrt. Seine Ehefrau, eine Oldenburgerin, hat er beim Seminar in den ehemaligen Olympia-Schreibmaschinenwerken in Wilhelmshaven kennen gelernt. „Das konnte wohl auch nicht anders sein“, lacht er. „Wer diese Leidenschaft hat, der muss sie auch teilen können, sonst wird es schwierig“, weiß der Pädagoge.

Und dann kommt er wieder auf den für ihn unvermeidbaren Zusammenhang zwischen Kurzschrift, und Schreibverständnis, Gedächtnis und Lernfähigkeit, Bildung und Wissen – „es werden immer weniger Schülerinnen und Schüler, die in den Grundbegriffen von Politik und Wirtschaft nicht firm sind, die Zusammenhänge herstellen können und somit verstehen, was in unserem Land und der Welt vor sich geht“, betont der Stenograf, und schreibt dabei an seinem Stenogramm, der Liebeserklärung an seine neue Heimat Oldenburg.

Sieben Zeichen und einen Punkt nur benötigt er, um „Oldenburg ist eine der schönsten Städte Deutschlands“ zu schreiben. „Im Prinzip“, sagt er, „ist der Niedergang der Stenografie ein Spiegelbild der Bildungsentwicklung.“ Weniger sei heute mehr.

Für Henke ist mehr die Maxime. Er stenografiert nicht nur, er modernisierte die Kurzschrift höchstselbst, in dem er seine eigene entwickelte. Er ist Schriftleiter einer Fachzeitschrift für Text- und Informationsverarbeitung und hat im Laufe seines Berufslebens 83 Lehrbücher verfasst. „So bleibe ich auf der Höhe der Zeit“, lacht der agile Lehrer. „Sie wissen ja“, sagt er, „Bildung hört nie auf.“

Frank Jungbluth
Chef vom Dienst (bis 2012)
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