Hannover - Wann sie sich zum Rückzug angesichts geharnischter Proteste entschlossen habe, will Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) nicht beantworten. Auch nicht, ob die Zustimmung der Grünen vorliegt, das geplante Schulgesetz in zentralen Punkten zu ändern. Lieber spricht die SPD-Politikerin vom „überwiegend positiven“ Echo von Lehrern, Eltern und Verbänden in den 46 Stellungnahmen und Eingaben zu den rot-grünen Reformplänen: Dass die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren breit begrüßt wird – Ausnahme: die Unternehmer –, dass der 3. und 4. Schuljahrgang zusammengefasst werden kann, die Schullaufbahnempfehlung entfällt. Doch dagegen protestieren schon Gymnasiallehrer. Nicht der einzige Punkt, an dem der Wind der Ministerin weiter scharf ins Gesicht bläst.

Erbitterter Streit entzündet sich an der Formulierung, dass – auch bestehende – Gesamtschulen eine „ersetzende Schulform“ sein sollen und beispielsweise Haupt-, Real- und Oberschulen oder sogar Gymnasien schlucken können. Aktuell sind bereits 40 Gesamtschulen in Niedersachsen „ersetzende“. Auch die Integration von Grundschulen in Gesamtschulen trifft auf teils heftigen Widerstand in den Kommunen.

Die härteste Auseinandersetzung wird jedoch weiter um die Gymnasien geführt. Heiligenstadt: „Die in Niedersachsen beliebteste Schulform wird nicht angetastet.“ Dem misstrauen CDU und FDP massiv. Gymnasien stünden nach wie vor „unter extremem Druck“, klagt der FDP-Schulexperte Björn Försterling, der eine „Bestandsgarantie“ fordert. „Wenn Gesamtschulen alle anderen Schulformen ersetzen können, dann ist das natürlich eine Schwächung der Gymnasien“, ergänzt der CDU-Bildungsexperte Kai Seefried, der das neue Schulgesetz ein „Chancenvernichtungsgesetz“ nennt, das „leistungsfeindlich und rückwärtsgewandt“ sei.

Viele Lehrer sehen es ähnlich. „Besonders in ländlichen Regionen mit rückläufigen Schülerzahlen sind die kleinen Gymnasien durch das Gesetz bedroht. Der Verdrängungswettbewerb mit den Gesamtschulen wird größer“, sagt Günter Tillmann von der Niedersächsischen Direktorenvereinigung dieser Zeitung. Den Gesamtentwurf beurteilt er „sehr kritisch“ – auch mit Blick auf den Wegfall der Schullaufbahnempfehlung.

Der Philologenverband warnt davor, dass in Niedersachsen anstelle eines erfolgreichen, pluralen Schulwesens die Gesamtschule treten solle. Viele Gymnasien seien in ihrer Existenz akut gefährdet, sagt der Verbandsvorsitzende Horst Audritz.