• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung Bildung

Sie macht einfach weiter, bis der Arzt kommt

13.11.2015

Oldenburg /Goldenstedt Diesmal also: Knieschmerzen. Ein Fußballspiel vor drei Tagen, jetzt kann er sein Bein nicht mehr richtig bewegen, das Knie ist dick, alles tut weh.

Joost van Eijzeren lässt sich erwartungsfroh in seinen Dozentenstuhl plumpsen. „Was könnte es sein?“, fragt er in die Runde.

Puh, die 15 Studenten atmen tief durch. Sie sind müde, draußen ist es längst dunkel, den ganzen Tag haben sie im Krankenhaus gearbeitet. Und jetzt kommen auch noch Knieschmerzen dazu. Orthopädie!

„Orthopädie“, hatte Bianca Jacobs morgens lächelnd verraten, „da muss ich definitiv noch nacharbeiten.“ Da stand sie noch auf Station E10, weißer Kittel, weiße Hose, Stethoskop, nur ihr Namensschild unterschied sie von den Ärzten: „Frau Bianca Jacobs, Medizinstudentin“. Station E10 ist die Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Nieren- und Hochdruckkrankheiten am Klinikum Oldenburg, man könnte sagen: Nieren sind Bianca Jacobs derzeit sehr viel näher als Knie.

Sie nimmt Patienten auf, füllt Anamnesebögen aus, hört, tastet kranke Körper ab, es ist ihre zweite Praktikumswoche hier. Der weiße Kittel, das Stethoskop – manchmal fragt sie auch ein Patient: Was könnte es sein? „Das ist schon komisch“, sagt Bianca Jacobs.

In ihrer linken Kitteltasche steckt ein kleines Büchlein, vorne macht sie sich Notizen für ihr Studienlogbuch, hinten schreibt sie rein, was sie nachschlagen will. Histiozytose! Die Berechnung der GFR-Formel! Diese ganzen Antibiotika! Abends, wenn sie zu Hause in Goldenstedt ist, sucht sie in ihren Lehrbüchern.

1200 Bewerber

„Das Medizinstudium ist anstrengend“, hatte damals am ersten Tag Professor Lazovic gesagt, der Studiendekan. Vor ihm saßen die ersten 40 Oldenburger Studenten der EMS, der European Medical School, im ebenso neuen EMS-Gebäude. Bianca Jacobs war eine von ihnen, mit Sekt und Blumen hatten sie und ihr Mann die Zusage gefeiert, sie war ausgewählt worden aus 1200 Bewerbern.

Eigentlich ist Bianca Jacobs keine typische Studentin: 32 Jahre alt war sie, als es 2012 losging, Mutter von drei Kindern, gelernte Chemielaborantin.

Andererseits ist sie eine typische EMS-Studentin: nämlich anders, unkonventionell,

Damals, im Sommer 2012, sagte Professor Lazovic dann auch noch: „Die Woche hier geht von Mittwoch bis Dienstag, da können Sie Samstag und Sonntag in die Bibliothek gehen und lernen.“ Die neuen Studenten hatten gelacht.

„Er hat Recht gehabt“, sagt Bianca Jacobs heute. Und deshalb kommen zu den Knieschmerzen von Joost van Eijzeren als Begleiterscheinungen gerade Schädelbrummen und Magenknurren hinzu.

Natürlich geht es hier nicht um das Knie von Joost van Eijzeren, 34 Jahre alt, Orthopäde am Pius-Hospital. Es geht um das verdrehte Knie eines 18-jährigen Holländers, van Eijzeren hat ihn vor Jahren operiert. Was könnte es sein?

„Kreuzbandriss?“, schlägt ein Student vor.

„Laterale Meniskusläsion?“, wagt sich ein zweiter aus der Deckung.

Joost van Eijzeren lächelt zufrieden: Es läuft.

Die EMS machte viele Schlagzeilen im Sommer 2012; es war die erste Neugründung einer Medizinischen Fakultät in Deutschland seit mehr als 20 Jahren. Seither ist es ruhig geworden um den Lehrbetrieb, aber: Er läuft. Aus 40 Medizinstudenten sind mittlerweile 160 geworden, und an diesem Freitag werden die ersten Absolventen geehrt: Der erste Jahrgang, der Jahrgang von Bianca Jacobs, hat den ersten Abschnitt der ärztlichen Prüfung abgeschlossen; „Physikum“ nennt man das im konventionellen Hochschulbetrieb.

Aber Oldenburg ist unkonventionell, anders. Deshalb heißt das hier: „Physikum-Äquivalent“.

Professor Dr. Djordje Lazovic, 59 Jahre alt, sitzt lächelnd in seinem Büro in der Klinik für Orthopädie am Oldenburger Pius-Hospital. Gestern war OP-Tag, heute hat er Zeit für Aktenarbeit und Reporterbesuche. Ach ja, die Zeit: Lazovic hat neuerdings wieder etwas mehr davon; er hat sein Amt als Studiendekan abgegeben. „Mit gutem Gewissen“, sagt er. Weil: Es läuft ja.

Anders ist Oldenburg immer noch, sagt er. Da ist der hohe Praxisanteil, da ist die enge Zusammenarbeit mit Groningen, die unkonventionelle Auswahl der Studenten. Die Einzigartigkeit hat Oldenburg indes eingebüßt: Inzwischen gibt es 13 Modellstudiengänge in Deutschland.

Obwohl . . . „Die Studenten sind schon besonders“, schwärmt Lazovic. Er legt Wert darauf, dass „anders“ und „besonders“ keineswegs „schlechter“ heißt: „Wir machen regelmäßig mit beim Progress-Test Medizin der Berliner Charité, da nehmen Fakultäten aus ganz Deutschland teil. Da zeigt sich, dass unsere Studierenden auf einem höheren Niveau anfangen – und dass der Abstand sich dann hält.“

Theorie und Praxis

Zwei Jahre, sagt Bianca Jacobs. So lange hat sie gebraucht, bis sie ihren Lernrhythmus gefunden hatte. Bis sie wieder Pausen machen konnte vom Lernen. Bis sie die Bücher auch mal liegen lassen konnte, sagen wir: im Fach Orthopädie. Und dann sagt auch sie: „Es läuft.“

Professor Lazovic sagt, die Oldenburger Medizinstudenten lernen genauso viel Theorie wie andere Medizinstudenten, sie arbeiten genauso viel wissenschaftlich. Bianca Jacobs schreibt gerade an einer „kleinen Forschungsarbeit“, wie sie es nennt: Sie vergleicht Studien, die sich mit der Behandlung von Bluthochdruckkrankheiten nach Schlaganfällen befassen.

Fünf Wochen dauert ihr Praktikum im Klinikum Oldenburg. Es ist der Anfang des zweiten Teils ihres Medizinstudiums, auch „Klinik“ genannt. Der dauert weitere drei Jahre, danach wird Bianca Jacobs für drei Jahre nach Cloppenburg ins Krankenhaus gehen. Später will sie dann vielleicht was mit Hochdruckkrankheiten machen.

Vorn in der Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Nieren- und Hochdruckkrankheiten findet man eine andere Frau im weißen Kittel: Dr. Anke Kulschewski, 46 Jahre alt, die Leitende Ärztin. Sie musste für die Betreuung der EMS-Studenten eigens geschult werden. „Da ging es um die Bewertungskriterien, das fließt ja alles in die Note ein.“ Dann schwärmt auch sie: „Ich hätte so gern hier studiert, aber das ging ja nicht.“ Sie hat dann in Berlin und Münster Medizin studiert. Das Oldenburger Studium, sagt Kulschewski, schließt jetzt eine echte Lücke.

„Osteochondrosis dissecans“, erlöst Joost van Eijzeren in Seminarraum 033 die Studenten; Knochennekrose sagen manche Menschen dazu. Der Patient spielt übrigens längst wieder Fußball: er ist jetzt Medizinstudent, er will Unfallchirurg werden.

Da ist Bianca Jacobs schon aus dem Raum geschlüpft, morgen früh muss sie ja wieder im Krankenhaus sein. Sie will heute Abend noch schnell ein paar Begriffe aus ihrem Notizbuch nachschlagen.

Manchmal, hat sie morgens auf Station E10 erzählt, nimmt sie ihre Kinder mit in die Vorlesung. „Meine Mädchen finden das toll. Sie sagen: Ich will Doktor werden.“

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.