MARIENHEIDE - Viele Ältere mögen nicht darüber reden, was sie stört. Doch das schadet der Beziehung.

Von Carina Frey

MARIENHEIDE - Sie kommt immer zu spät, und er zuckt nur mit den Schultern. Er fällt ihr ständig ins Wort, und sie hört einfach darüber hinweg. Ältere Paare haben es oft aufgegeben, lästige Eigenheiten ihres Partners zu kritisieren. „Manche Partner haben so oft etwas gesagt, dass sie es irgendwann lassen“, meint Hartwig Wennemar, Gerontologe aus Marienheide (Nordrhein-Westfalen).

Doch gibt es Eigenheiten, die eine Beziehung ernsthaft belasten können. Hier schadet Schweigen um des lieben Friedens willen eher, als dass es die Partnerschaft schützt.

Uwe Kleinemas, Geschäftsführer des Zentrums für Alterns-Kulturen an der Universität Bonn, rät, zwischen liebenswerten Schrulligkeiten und bedeutsamen Problemen zu unterscheiden. Bei Kleinigkeiten, etwa wenn der Partner immer wieder alte Geschichten erzählt, sollten Paare tolerant sein. „Aber wichtige Dinge, die einen wirklich stören, sollte man auf jeden Fall ansprechen.“ Oft sei dem Partner gar nicht bewusst, dass sein Verhalten dem anderen missfalle.

Diese Dinge anzusprechen, ist allerdings schwierig. „Auf jede Art von Korrektur wird reflexhaft mit Abwehr reagiert; das ist normal“, sagt Anna Schoch, Honorarprofessorin für Psychologie an der Fachhochschule für Kreativpädagogik und künstlerische Therapien in Calw. Deshalb sollte die Kritik nicht pauschal ausfallen. „Wenn ich nur sage ,Immer redest du mir rein!‘ erreiche ich wenig“, erklärt Psychologe Kleinemas. Stattdessen sollte sich die Kritik auf ein konkretes Beispiel beziehen und nicht in Drohungen münden. „Besser ist es, dem anderen zu zeigen, dass sich eine Verhaltensänderung positiv auf die Beziehung auswirkt.“

Gerade ältere Paare sind es häufig nicht gewohnt, Konflikte anzusprechen. „Viele haben nicht gelernt, über sich zu reden und Kritik am anderen zu üben“, sagt Gerontologe Wennemar. „Sie nehmen vieles einfach als selbstverständlich hin.“ Für Psychologin Schoch muss dies nicht ein Zeichen für eine schlechte Beziehung sein. Es könne auch Ausdruck von Toleranz sein. „Die Paare wären nicht so alt miteinander geworden, wenn sie sich nicht hätten sein lassen, wie sie sind.“ Besonders Männer tun sich schwer damit, Probleme zu thematisieren. „In den meisten Fällen sind es die Frauen, die sagen, wenn sie etwas an ihrem Partner stört“, berichtet Kleinemas. „Die Männer schweigen eher und versuchen, Konflikte auszusitzen.“

Reagiert der Partner dauerhaft nicht auf Kritik, kann das zur Trennung führen. „Dann stellt sich irgendwann die Frage, ob die Basis für die Beziehung noch da ist“, sagt Kleinemas. Während Paare früher selbst dann zusammenblieben, wenn sich Interessen und Bedürfnisse auseinander entwickelt hatten, sind die Ansprüche an Beziehungen heute gestiegen. Laut Kleinemas geben sich die Menschen mit einer schlechten Partnerschaft nicht mehr einfach zufrieden: „Wir haben inzwischen eine drastisch gestiegene Scheidungsrate auch bei älteren Paaren.“