Oldenburg - Ich habe Irmgard kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag bei einem Besuch in meiner Heimatstadt Oldenburg kennengelernt. Sie erzählt gerne, und ich, fast 40 Jahre jünger als sie, will ganz viel von ihr erfahren und höre gebannt zu. Ich möchte wissen, wie sie die Kriegs- und Nachkriegsjahre in Oldenburg erlebt hat und nehme mir vor, die vielen atemberaubenden Geschichten aufzuschreiben, die sie so lebendig und mit viel Humor erzählt.
Wir sitzen in einem gemütlichen Erker mit gestickter Tischdecke und Rosenmuster-Teegeschirr. Alles passt wunderbar zusammen. Darauf legt Irmgard, die auch Ina genannt wird, Wert. „Die jungen Leute heute benutzen ja keine Tischdecken mehr“, sagt sie. Aber das ist eher eine Feststellung, keine Kritik. Ina lebt in der Gegenwart.
Kronjuwelenhochzeit
Sie führt ihren Haushalt weitestgehend alleine. Nachbarn und Familie unterstützen sie bei Einkauf und Arbeiten in Haus und Garten. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter leben ebenfalls in Oldenburg. Von Ihren zwei Enkelsöhnen lebt der ältere mit Ehefrau und den beiden Urenkeln im Bergischen Land, der jüngere mit seiner Partnerin in Bad Zwischenahn. Feiertage und familiäre Anlässe sind seit vielen Jahren Gelegenheit, alle vier Generationen an einem Tisch zu versammeln.
Inas Mann Walter ist vor zwei Jahren gestorben. Sie haben noch das seltene Fest der Kronjuwelenhochzeit feiern dürfen. Ina ist dankbar für die vielen gemeinsamen Jahre.
Sie lebt in einer Nachbarschaft, in der man sich kümmert. Als ich sie einmal zu Hause nicht antreffe, informieren mich gleich zwei Nachbarn, dass sie gerade ums Haus spazieren geht. Und tatsächlich: Da ist sie, weiter oben in der Straße, im Gespräch mit einem Nachbarn. „Man muss in Bewegung bleiben“, sagt sie, während sie den Rollator ins Haus zurückschiebt.
Später will sie mir ein Buch aus der oberen Etage holen. „Das wird ein bisschen dauern“, entschuldigt sie sich. Drei Minuten später ist sie wieder da. „Treppen steigen kann ich noch ganz gut“. Als junges Mädchen galt sie unter ihren Freundinnen als die Schnellste. Das kann man sich heute noch gut vorstellen.
In Bewegung bleiben, das gilt auch für ihren Kopf. Ina hat sich schon immer für Sprachen interessiert. Abitur durfte sie damals als Mädchen nicht machen. So hat sie Englisch und Französisch in der Volkshochschule gelernt. Das kann sie nach dem Krieg sehr gut bei Begegnungen mit den Kanadiern und Engländern in Oldenburg anwenden. Daraus sind Freundschaften entstanden. Auch auf ihren Fernreisen mit Walter hat sie sich und anderen mit ihren Sprachkenntnissen aus brenzligen Situationen heraushelfen können. Bis vor Kurzem hat sie auch noch einen Briefwechsel auf Französisch geführt.
Einmal klingele ich kurz vor Mittag und merke, dass sie gerade ihr Essen vorbereitet. Ich fürchte, dass es unhöflich ist, die Routine zu stören, aber sie sagt erfreut: „Nein, komm rein! Ich kann die Herdplatte runterschalten“. Wir plaudern angeregt, und die Kartoffeln müssen warten.
Fit und gesund
Fragt man sie nach dem Geheimnis, so gesund 100 Jahre alt zu werden, antwortet sie, dass sie in einer Familie groß geworden ist, in der nie viel gegessen wurde und dass sie dies beibehalten hat.
Was für ein Glück, dass ich Ina begegnet bin! Die kleinen Ausschnitte aus ihrer Gegenwart und Vergangenheit, gesammelt in wenigen Nachmittagsstunden, ergeben für mich ein lebendiges, faszinierendes Bild und ich freue mich auf meinen nächsten Besuch.
