Die bestickte Kippa (Kappe) auf den schwarzen Locken, der weiße Gebetsschal mit den blauen Fransen um die Schultern.

So präsentiert sich der Junge vor der Gemeinde. Die Synagoge ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Freudige Spannung liegt in der Luft.

Jakob hat Schweißperlen auf der Stirn. Der junge Rabbiner an seiner Seite beruhigt ihn leise. Die Thora-Rolle liegt geöffnet auf dem Lesepult.

Jakob nimmt den Zeigestock und beginnt zu lesen mit lauter heller Jungen-Stimme. Die hebräischen Worte aus dem Wochenabschnitt klingen feierlich und fremd für den Gast bei der Feier.

Mein Nachbar zeigt mir die Übersetzung und ich lese: „So spricht der Ewige: Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, dich zu behüten auf deinem Wege.“…

Das Bild ist mir vertraut und berührt mein Herz. Nach gottesdienstlichem Gesang liest der Junge einen prophetischen Text und hält einen kurzen Vortrag. Er verpflichtet sich zur Einhaltung der Gebote als „Sohn der Pflicht“ (Bar Mizwa) und wird damit zum mitverantwortlichen Mitglied der Oldenburger Jüdischen Gemeinde.

Danach wird mit Familie, Gemeinde und Gästen fröhlich gegessen und gefeiert. Ein ähnliches Ritual des Erwachsen-Werdens kennen wir auch in unseren christlichen Gemeinden. Wir nennen es Konfirmation oder Firmung. Dabei erbitten wir Gottes Segen für den weiteren persönlichen Lebensweg des jungen Menschen.

Hier, in der Leo-Trepp-Straße, werden in Oldenburg seit 25 Jahren wieder Jungen und Mädchen feierlich in die jüdische Gemeinde aufgenommen – in der dritten Synagoge seit 1855.

Leo Trepp (geboren am 4. März 1913 in Mainz; gestorben am 2. September 2010 in San Francisco) als letzter Landesrabbiner vor der Shoah war Mitbegründer der Nachkriegsgemeinde im Jahr 1992. Sein Abbild in Bronzeguss steht nun auf dem städtischen Grundstück neben dem Gemeindezentrum, und der Betrachter sucht in seinen Gesichtszügen ein kleines Lächeln der Freude.

Elke Heger ist Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Oldenburg.