Meine Frau bedenkt mich immer mal wieder gern mit einer dieser Spruchkarten, um mein Verhalten zu kommentieren. Die dürfen auch schon mal etwas frecher daherkommen. Eine dieser Karten ist fünf oder sechs Jahre alt. Äußerlich schon etwas vergilbt, vom Inhalt aber aktueller denn je: „Leute, geht in euch und bleibt da!“
Der doppeldeutige Hintersinn wird für mich eindeutig, wenn ich einen Vers des Dichters Rumi danebenlege: „Blick in dein eig’nes Herz“. Diese Aufforderung des islamischen Mystikers benennt eine tiefe Sehnsucht, vertraut mit dem eigenen Innern zu sein und daraus auch zu leben. Ein solcher Blick ist alles andere als selbstverständlich. Wir sind es eher gewohnt, uns im Außen umzusehen und weite äußere Wege zurückzulegen. In Coronazeiten ist dieser äußere Raum zusammengeschrumpft. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen, haben Zeit, vielleicht mehr, als uns lieb ist. Langeweile stellt sich ein und die ist schwer auszuhalten.
Vielleicht liegt darin eine Chance, alte Tugenden neu zu üben: Aufmerksamkeit, geduldiges Hören, Abwarten, „den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen“, wie Rilke es formuliert hat.
Das ist sicher nicht einfach. Denn es widerstrebt unserer Tendenz zum Machen-Wollen, bei Mangel prompte Abhilfe zu schaffen oder zumindest ein wenig Entlastung. Ist es in dieser Zeit nicht angesagt, schnelle Lösungen zu finden?
Selbstverständlich zwingt uns die Krise, in der wir uns befinden zu drastischen Maßnahmen und zu unverzüglichem und konsequenten Handeln im Außen. Zu „vernünftigem Handeln“, wie es die Bundeskanzlerin formuliert hat. Und sie hat dem „vernünftig“ ein „herzlich“ vorangestellt: Ein solches Handeln ist nur möglich im Kontakt mit dem, was mich im Innersten meines Herzens bewegt. So können wir die Geister, die uns antreiben identifizieren und unterscheiden. Unser Handeln wird klarer, persönlicher und solidarischer. Also: Blick in dein eig’nes Herz. Immer mal wieder.
Alfons Gierse, Ökumenische Beratungsstelle für Ehe-, Familien und Lebensfragen, Oldenburg
