Der Tod ist nicht ganz dicht. Das, worauf doch wirklich Verlass sein sollte, dass die Toten tot sind, selbst das steht Ostern in Frage. Erschrocken schauen die Frauen auf das leere Grab Jesu, so erzählt es der Evangelist Lukas in der Bibel. Der Tod hat seine Macht verloren. Er ist ein weit verbreitetes Übel. Eine furchtbar grassierende Ungerechtigkeit, manchmal auch ein willkommener Gast. Aber er ist nicht beständig, nicht siegreich, nicht ohne Gegenmittel: Der Tod ist offen wie das Grab.
Auf ihn ist nicht Verlass. Ein besonderes Wort beschreibt den Vorgang: Auferstehung. Ein Wort, nicht so gebräuchlich in der Menschenwelt, weil es in Gottes Welt gehört: Jesus steht in Gottes Welt hinein wieder auf. Er zeigt sich als Gottes Sohn noch mal Maria von Magdala, zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, den elf, die zu Tisch saßen, später auch Paulus, solange bis es endlich alle glaubten: Der Tod ist offen – in Gottes Richtung. Wir sehen auf die Gräber. Von der Seite Gottes her kann man den auferstandenen Menschen sehen: strahlend, schön, stark und unsterblich. Der Tod ist nicht ganz dicht. Und das strahlt in unser Leben aus. Wir haben eine Ewigkeit lang Zeit zu leben.
D. h. wir brauchen uns nicht beeilen, wir können leben, was ist: Wir brauchen uns nicht gegen den Tod zu stemmen, auf ihn ist sowieso kein Verlass. Aber wir können uns gegen die Hoffnungslosigkeit stemmen: Wir kennen die andere Seite zwar nicht, aber wir sehen sie mit unseren Glaubensaugen. So scheint am Ende jeden Tunnels doch ein kleines Licht, das die Hoffnung nährt. Nichts ist mehr egal, weil der Tod nicht mehr gilt. Der Tod ist uns nicht egal: Der Tod so vieler Menschen an Europas Außengrenzen, der Tod der Barmherzigkeit, der Hoffnung auf ein neues Leben hier. Auch Perspektiven für Menschen in Europa und der ganzen Welt müssen neu auferstehen, die Frage nach Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Nicht nur für wenige, sondern für alle. Gottes Wirklichkeit ragt in unser von vielen Toden bedrohtes Leben hinein, macht uns empfindsam, verletzlich, aber auch stark, vor Hoffnung strahlend und unsterblich.
Anja Kramer ist Pastorin an der Martin-Luther-Kirche in Oldenburg:.
