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NWZonline.de Nachrichten Kultur Sonntagswort

Ehrfurcht vorm Leben

16.06.2018

Seit Gertrud zu uns gekommen ist“, sagte der Vater von Karl Jaspers, „wird Weihnachten alle Jahre christlicher“ – so der Philosoph in der Autobiografie 1957. Eine bemerkenswerte Feststellung, weil die Familie Jaspers sich sonst eher kritisch-distanziert zu Christentum und Kirche äußerte. Als der Sohn in Jugendjahren den Austritt erwog, empfahl der Vater Gemach und vollzog diesen Schritt selbst erst im vorgerückten Alter.

Im Lebenslauf des Philosophen ist ein solcher Schritt nicht vermerkt. Doch Vater und Sohn waren sich in der Kritik einig, wenn die Kirche oder ihre Vertreter die gebotene Zurückhaltung überschritten. Die erwähnte Sensibilität hatte noch andere Haftpunkte. Über seine aus dem Judentum stammende Ehefrau notierte Jaspers: „Ihr Leben durchwaltete religiöse Ehrfurcht. Wo immer sie dem Religiösen begegnete, hatte sie Respekt … Dieses Leben ohne Dogma und ohne Gesetz, von dem Hauche der jüdischen Propheten von Kind an berührt, war geführt von einer sittlichen Unbedingtheit. Ich fühlte mich mit ihr verwandt und wurde ermutigt, zum Bewusstsein zu bringen, was unter dem Schleier des Verstandes zwar wirksam, aber verborgen geblieben war.“ Vermutlich war das zugleich die Quelle für die Hingabe, mit der Gertrud Jaspers ein Leben lang ihren kranken Mann umgab.

Dabei war die Erfahrung mit Religion im Elternhaus an der Moltkestraße in Oldenburg alles andere als stimulierend. Die Kinder, heißt es in „Schicksal und Wille“ 1967, wurden ohne Kirche erzogen. Niemand lehrte sie beten, Gott war kein Thema. Aber die Familienwerte wurden hoch gehalten. Vernunft und Überzeugung spielten eine große Rolle. So kritisch sich Jaspers etwa über das Schulwesen äußerte, vergaß er nicht die Lichtblicke. So blieb ihm ein Lehrer unvergesslich, der ihm nicht nur Lesen und Schreiben, sondern die biblischen Geschichten so vermittelte, dass ein innerer Zusammenhang entstand.

Niemand weiß, was das Leben bereithält. Es ist uns ebenso verborgen, wie auch Gott selbst ein Geheimnis ist. Wenn man sich anrühren lässt, kann in den Lebensvollzügen ein Tiefgang entstehen, den Albert Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ genannt hat.

Reinhard Rittner ist Pfarrer im Ruhestand in Oldenburg.

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