Einfach mal nichts tun. Sich in eine warme Decke kuscheln, aus dem Fenster schauen, das Fallen der Blätter beobachten oder dem Zwitschern der Vögel zuhören. Kein Buch lesen, keine Musik hören und mit niemandem reden – einfach nur da sein.
Das klingt irgendwie verlockend und ist doch so unendlich schwer. Wer nur den Versuch startet, gänzlich untätig zu sein, fühlt sich schnell unwohl und sucht alsbald nach einer Ablenkung. Trotz chronischer Überlastung durch den Stress des modernen Lebens: In unserer auf Leistung und Selbstoptimierung getrimmten Gesellschaft hat Nichtstun zudem keinen guten Ruf. Wer untätig ist, gilt immer noch als Faulenzer und Nichtsnutz, schlimmstenfalls als Sozialschmarotzer.
Nicht nur Trend
Interessant ist, dass diese Menschen die bevorzugten Adressaten der Predigt Jesu vom anbrechenden Reich Gottes sind. Aus biblischer Perspektive ist das Nichtstun mehr als ein neumodischer Wellnesstrend. Es ist Voraussetzung für die Annahme der barmherzigen Liebe Gottes.
Vor Gott muss ich nichts mehr leisten oder begreifen. Ich darf mich einfach lieben lassen – so wie ich bin, vor aller Leistung und trotz aller Schuld. Gott liegt nicht viel an meinen frommen Worten und Gebeten oder meinem geschäftigen religiösen Treiben.
Wirklichkeit abwehren
Geschäftigkeit, so schreibt Hannah Arendt 1950 am Beginn der Nachkriegswirtschaftswunderzeit, sei die Hauptwaffe der Deutschen zur Abwehr ihrer Wirklichkeit. Vor Gott darf ich mich der Wirklichkeit meines Lebens überlassen und nur da sein – achtsam, gelassen und liebevoll, in Freude und im Schmerz.
Einfach mal nichts tun. Innehalten und Momente der Stille einüben. Den Geist vom Dauerstress des Alltags befreien und neue schöpferische Kräfte sammeln. Probieren Sie es doch mal aus. Und welcher Tag wäre dafür besser geeignet als der Sonntag.
Alfons Gierse von der Ökumenischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen
