Um das Jahr 330 nach Chr. ereignet sich in Amiens eine Begebenheit, die normalerweise in keinem Geschichtsbuch auftaucht, viele Menschen aber trotzdem beeindruckt hat: Ein junger, römischer Soldat trifft am Stadttor der französischen Stadt auf einen zerlumpten, halb erfrorenen Bettler, zerschneidet seinen wertvollen Militärmantel und schenkt die eine Hälfte dem Armen. Noch heute, jedes Jahr am 11.11., spielen Kinder in Kindergärten und Schulen diese Szene nach und gedenken damit eines eindrucksvollen Mannes: des Hl. Martin.
Sein Leben war allerdings durchaus kein Kinderspiel und verdient auch in heutiger Zeit eine Würdigung. Martin lebte im 4. Jahrhundert, als es absolut noch nicht üblich war, Christ zu sein. Die Römer hielten ihr Weltreich mit Hilfe der Armee brutal zusammen. Von seinem Vater nach dem Kriegsgott Mars benannt, um seine Karriere als Soldat vorzuzeichnen, entdeckte Martin aber – vielleicht auch aufgrund des Erlebnisses mit dem Bettler – eine ganz andere Seite in sich. Er wandte sich Gott und den Menschen zu, ließ sich mit 18 Jahren taufen und gab seine Militärkarriere auf. Er musste nach seinem weiteren Lebensweg suchen und fand bei großen Persönlichkeiten des christlichen Glaubens Antworten auf seine Fragen. Er wurde Einsiedler, dann Mönch und schließlich 371 n. Chr. zum Bischof von Tours gewählt, ein Amt, das er nur ungern annahm. Auch während seiner Amtszeit als Bischof blieb er seinem Lebensstil treu: In Einfachheit Gott und den Menschen dienen, ihnen mit großer Güte und Respekt begegnen und alles Anvertraute mit Weisheit verwalten. Seine Hilfsbereitschaft war so groß, dass ihm sogar Wunder nachgesagt wurden. 397 starb er.
Was bleibt von seinem beeindruckenden Leben für unsere Zeit bestehen? Martin verzichtete auf die Rüstung eines Soldaten, in Ruhe und Besonnenheit nahm er sich der Menschen und ihrer Sorgen an. So konnte er sein Amt zum Wohl der Menschen einsetzen. Sein Vertrauen auf Gott gab ihm eine Kraft und Zuversicht, die man jedem heutigen Entscheidungsträger nur wünschen kann.
Christoph Sibbel ist Pfarrer der Kirchengemeinde St. Josef und Dechant des Dekanates Oldenburg.
