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NWZonline.de Nachrichten Kultur Sonntagswort

Monat des Gedenkens

16.11.2019

Der Monat November ist durch stille Feiertage geprägt. Und die Gedenktage sind Legion: Reformation, Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Toten- oder Ewigkeitssonntag. Vieles ist uns fremd geworden. Manchmal werden sie unversehens lebendig.

Vor einigen Wochen ist Günter Kunert gestorben und auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee bestattet worden. In der evangelischen Kirche in Schenefeld bei Hamburg fand eine Gedenkfeier statt, der Dichter wurde 90 Jahre alt. Ein Gedicht hat sich mir eingeprägt. Von Sintflut hat man gelesen:/ Derlei wiederholt sich kaum./ Gewesen ist eben gewesen:/ Luther pflanzt einen Baum. Da begegnet das Apfelbaumwort, nun aber in einer Version, die Naivität verbietet: Und rinnen die deutschen Flüsse/ dahin als giftiger Schaum,/ weißt du, was man tun müsse –/ Luther pflanzt seinen Baum/ und empfiehlt noch, Kinder zu machen,/ gebrich’s der Welt auch an Raum/ für all die Armen und Schwachen:/ er pflanzt mit Fleiß seinen Baum.

Kunst ist ein Seismograph für Verhältnisse, wo etwas nicht stimmt. Insofern sind Kunst und Religion eng verwandt. Kunert will das nicht hinnehmen.

Der Lyriker zieht gegen ein Lutherbild zu Felde, gegen einen gedankenlosen Umgang mit dem Apfelbaum-Spruch, indem er die Krisensymptome kräftig als Kontrapunkte skandiert. Verseuchte Flüsse, Explosion der Weltbevölkerung, die Schere zwischen Arm und Reich – es sind keine virtuellen Szenarien, sondern für die Betroffenen bittere Realität. Eingedenk der deutschen Geschichte gerät der Poet in Zorn, wenn daneben Idylle kultiviert wird: Und wäre wie Auschwitz die Erde,/ er fände den friedlichen Saum/ jenseits von Leid und Beschwerde/ für sich und für seinen Baum.

Das Gedicht ist Mitte der 1980er Jahre entstanden. Damals hat das Wettrüsten die westdeutsche Gesellschaft aufgewühlt. Eine Wende im Lebensstil kündigte sich an. Manchmal sind Dichter Mahner in dürftiger Zeit. Aufgeschlossene Zeitgenossen, zu denen ich Christinnen und Christen zählen möchte, sollten solche provozierende Stimmen nicht überhören.

Reinhard Rittner lebt als Pfarrer im Ruhestand in Oldenburg.

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