Es soll wieder werden wie es war! – so oder ähnlich formulieren viele Menschen zur Zeit ihren Wunsch nach einer schnellen Rückkehr zu dem, was vor der Corona-Krise als Normalität galt.
„Es soll wieder werden wie es war!“ Das war auch die Sehnsucht der Israeliten im Alten Testament im 6. vorchristlichen Jahrhundert. Jerusalem war zerstört, ein Großteil des Volkes in Gefangenschaft in Babylon und am Horizont erscheint König Kyros. Mit ihm die Hoffnung auf Befreiung und Rückkehr in die Heimat. Es soll wieder werden wie es war.
Der Prophet Jesaja entlarvt diesen rückwärtsgewandten Wunsch nach einer Normalität des Vergangenen als Illusion: „Starrt nicht auf das, was früher war“, fordert er auf und frustriert damit die Erwartung nach einer Wiederherstellung einer alten Normalität.
Der Soziologe Zygmunt Baumann nennt diesen Wunsch Retrotopie – Visionen, die sich speisen aus einer verlorenen Vergangenheit. Eine solche Retrotopie wäre auch der Rückfall in eine Normalität des Burn-out-Kapitalismus, der den Sinn des Lebens in der Herstellung und dem Konsum sinnloser Güter sieht, deren Herstellungsbedingungen die Lebensgrundlage unserer Kinder und Enkel unwiederbringlich zerstören würden.
Was aber nährt unser Leben und unsere Gemeinschaft wirklich? Was macht uns stark und erhält uns gesund? Der Prophet Jesaja würde uns heute sicher auffordern, unsere Gesellschaft neu zu erfinden, damit sie zu einer gerechten, solidarischen und vor allem genügsamen Gesellschaft wird. Er würde uns auffordern, nach vorn zu schauen und auf einen neuen Anfang zu hoffen.
Initiator dieses neuen Anfangs ist für den Propheten allerdings Gott allein. Eindrücklich formulierte es Papst Franziskus auf dem menschenleeren Petersplatz so: „Es gilt unser Lechzen nach Allmacht und Besitz aufzugeben, um der Kreativität Raum zu geben, die nur der Heilige Geist zu wecken vermag.“ Dieser Geist ist schon am Werk. Merkt ihr es nicht?
Alfons Gierse vom Familienbund der Katholiken
