Im Nordwesten - Ich bin Maike und ich bin queer. Ein Begriff, der bei vielen Menschen eine Abwehrreaktion hervorruft. Als hätte ich gerade ein kontroverses politisches Statement gemacht, runzeln sie die Stirn, verschränken ihre Arme und fangen schon mal gedanklich an, eine wütende Antwort zu formulieren.
Dabei bezeichne ich mich einfach gerne so. Hätte ich „lesbisch“ oder „homosexuell“ gesagt, wäre das wohl weniger skandalös.
So wie Unionsfraktions-Vize Jens Spahn vor wenigen Wochen, als er verkündete: „Ich bin nicht queer, ich bin schwul.“ Kein Problem, Jens – jeder darf sich nennen, wie er möchte. Aber bei solchen Aussagen schwingt meist die Implikation mit, queer wäre ein bedeutungsloses und schwammiges Wort, erfunden von der „woken Generation“, um den Rest der Gesellschaft zu verärgern. Ich glaube, die Menschen ärgern sich, weil sie das Wort nicht verstehen. Und weil es nicht eindeutig genug ist. Es nimmt ihnen die Möglichkeit, andere in eine Schublade zu stecken.
Queer ist nämlich ein Sammelbegriff für sexuelle Orientierungen, die nicht heterosexuell sind, und Geschlechtsidentitäten, die nicht dem Geschlecht entsprechen, das bei der Geburt zugeschrieben wurde.
Also zum Beispiel Menschen, die lesbisch, schwul, bisexuell, transgeschlechtlich oder nichtbinär sind. Es hat eine ähnliche Bedeutung wie die Abkürzung LGBTQI* – nur kann man es sich einfacher merken. Genau diese Vagheit ist auch der Grund, warum ich mich selbst lieber queer als lesbisch nenne. Ich fühle mich durch den Begriff weniger eingeschränkt und mehr Teil einer großen queeren Gemeinschaft.
Doch ich schätze, die Bedeutung des Begriffs ist für Kritiker und Kritikerinnen weniger ein Problem als dessen angeblich „ständige“ Thematisierung. Queer dies, queer das. Hier ein Regenbogen im Gesicht, dort eine Diskussion um Gleichberechtigung. Muss das sein?
Ja, das muss sein. Schon möglich, dass wir Queers unsere Identität häufig zum Thema machen. Dafür gibt es meiner Meinung nach drei Gründe: Zum einen erwische ich mich oft dabei, wie ich meine Partnerin betont beiläufig erwähne – gegenüber Arbeitskollegen, beim Arztbesuch oder an der Supermarktkasse. Das mache ich nicht, um unangenehm aufzufallen oder mein Gegenüber zu provozieren, sondern weil ich die Hoffnung habe, meine Sexualität so auf Dauer zu normalisieren.
Zweitens ist es aber wichtig, jenes Queer-Sein manchmal ganz bewusst und ganz laut zum Thema zu machen. Dann zum Beispiel, wenn es um Ungerechtigkeiten geht. Wenn ein schwuler Mann Blut spenden möchte und es nicht darf. Oder wenn ein lesbisches Paar ein gemeinsames Kind bekommt und nur eine von ihnen rechtlich die Mutter ist. Oder wenn eine Transperson sich outet und ihren Job verliert.
Und zuletzt spielt auch Zugehörigkeit eine Rolle. Wenn in meinem Sprachkurs eine Frau sitzt, die einen Regenbogen-Aufkleber auf ihrer Wasserflasche hat, spreche ich sie darauf an und freue mich immens, wenn ich erfahre, dass sie auch queer ist.
Das ist, wie wenn zwei Fußballfans sich treffen und feststellen, dass sie den gleichen Verein unterstützen. Man freut sich, weil man Teil derselben Gemeinschaft ist. Weil man dazugehört. Und für queere Menschen bedeutet dazugehören eben Anderssein.
Die wiederholte Thematisierung queerer Menschen und deren Identität mag also für einige als übertrieben erscheinen, doch dahinter verbirgt sich durchaus ein tieferer Zweck. Ich habe die Hoffnung, dass wir durch offene Gespräche (und vielleicht durch diese Kolumne) eine Welt formen können, in der Individualität gefeiert wird – ganz egal, wie man sie bezeichnet.
Autorin dieser Kolumne ist Maike Schwinum vom Reporter-Team Soziales. Als lesbische Frau hat sie es sich zum Auftrag gemacht, Vorurteile aus dem Weg zu räumen und die Menschen freundlich, aber bestimmt über ihre Community aufzuklären. In „Queer-Format“ schaut die 32-Jährige aus queerer Perspektive auf die Welt und teilt ihre Gedanken – von persönlichen Erfahrungen bis hin zu aktuellen Entwicklungen.
Sie erreichen die Autorin unter maike.schwinum@nwzmedien.de
