Oldenburg - Seine Fahrradtour durch Frankreich musste er unterbrechen. Das Handy steht bei Gerhard Treutlein in diesen Tagen nicht still. Am Straßenrand und in seinem Hotelzimmer beantwortet der Professor die vielen Anfragen zur brisanten und lange unter Verschluss gehaltenen Studie der Berliner Humboldt-Universität über „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“.
„Die wesentlichen Dinge sind allerdings nicht neu. Die Debatte wirkt ziemlich überhitzt“, relativiert der Wissenschaftler vom Heidelberger Zentrum für Doping-Prävention die bisherigen Erkenntnisse. Denn bereits im Jahr 2000 entlarvte er in seiner mit Andreas Singler verfassten Studie „Doping im Spitzensport“ diverse Betrugspraktiken. „Die offene Frage bis heute bleibt, warum damals nicht darauf reagiert wurde“, wundert sich Treutlein.
„Im Moment entsteht allerdings der Eindruck, dass in der alten Bundesrepublik genauso gedopt wurde wie in der DDR. Das ist schlicht und einfach Quatsch“, empört sich der 72-Jährige über eine aus seiner Sicht verzerrte Darstellung. Zwar habe es seit den 50er-Jahren in einigen Sportarten zunächst durch einzelne Athleten systematisches Doping mit Stimulanzien und ab Anfang der 60er-Jahre mit Anabolika gegeben, aber, so Treutlein, anders als im Osten nicht flächendeckend oder staatlich verordnet.
Ein gewisser Einschnitt vollzog sich jedoch mit der Vergabe der Olympischen Sommerspiele 1972 nach München. „Die Politik hat vor diesem Großereignis viel Geld in den Sport gepumpt und wollte Erfolge sehen – nach dem Motto ,macht mal’“, blickt Treutlein zurück. Der Zweck, möglichst viele Medaillen im Wettstreit der politischen Systeme zu gewinnen, habe die Mittel geheiligt.
Sportler kontaktierten daraufhin in den 60er-Jahren zunehmend bestimmte Ärzte. „Die Mediziner waren die Schlüsselfiguren“, betont Treutlein: „Denn sie erhielten Forschungsgelder, besaßen das Wissen über die Wirkung von Medikamenten, stellten Rezepte aus und setzten die Spritzen.“ Laut Treutlein waren die jeweiligen Ärzte die Hauptprofiteure: „Die Nähe zu den Spitzensportlern und deren Erfolge werteten ihr Ego auf, sie sonnten sich im Glanz der von ihnen betreuten Athleten und konnten damit das Werbeverbot für Ärzte umgehen.“
Die für die Sportförderung verantwortlichen Politiker wussten laut Treutlein zur damaligen Zeit allerdings nicht viel über Doping – oder wollten nichts wissen. „Man darf ihr Verhalten nicht mit heutigen Maßstäben und Kenntnissen beurteilen“, warnt der Experte vor „politischer Instrumentalisierung“.
Aus der Studie sollten vielmehr die richtigen Konsequenzen gezogen werden. „Wenn pro Jahr rund 250 Millionen Euro staatliche Förderung in den Spitzensport fließen, das Geld aber primär für Medaillen gezahlt wird, erhöht das den Anreiz zu betrügen“, kritisiert Treutlein. Es müsse stattdessen mehr Geld in Prävention investiert werden. Sein Vorschlag: „Die Zahl der Doping-Kontrollen halbieren und das dadurch gesparte Geld in Forschung, Prävention und die Aufbewahrung von Dopingproben investieren.“
Im Vergleich zu früher habe der Leistungsdruck in der Gesellschaft jedoch erheblich zugenommen. „Die vielen kleinen Helferlein in Form von Medikamenten werden schließlich nicht nur im Spitzensport konsumiert.“ Genau darin sieht Treutlein das eigentliche Problem: eine weithin vorhandene Dopingmentalität in Alltag, Schule, Hochschule und Beruf.
