Paris - Novak Djokovic küsste nach seiner Gala überschwänglich den Pariser Sand, Serena Williams konnte nach ihrem Zittersieg nur müde lächeln: Trotz unterschiedlichster Leistungen und Gefühlslagen greifen die beiden besten Tennisprofis am Wochenende nach den French-Open-Titeln.

Mit seinem ersten Coup in Roland Garros könnte Branchenführer Djokovic seine Grand-Slam-Sammlung komplettieren. „Das ist mein Ziel, aber ich muss fokussiert bleiben“, sagte „Nole“ nach dem überzeugenden 6:2, 6:1, 6:4 gegen Dominic Thiem (Österreich/Nr. 13) im Halbfinale.

Gegner des Serben im Endspiel ist am Sonntag der an Position zwei gesetzte Brite Andy Murray, der Titelverteidiger Stan Wawrinka (Schweiz/Nr. 3) vor den Augen von Hollywoodstar Leonardo Di Caprio mit 6:4, 6:2, 4:6, 6:2 ausschaltete.

Die 34-jährige Williams strebt bereits am Samstag (15.00 Uhr/Eurosport) in einer Neuauflage des letztjährigen Wimbledonfinals gegen die Spanierin Garbine Muguruza (Nr. 4) ihren 22. Major-Titel an und könnte in dieser Statistik mit Rekordhalterin Steffi Graf gleichziehen.

Allerdings zeigte die topgesetzte Williams beim 7:6 (9:7), 6:4 im Halbfinale gegen die Weltranglisten-58. Kiki Bertens (Niederlande) erneut eine rätselhafte Vorstellung. Die an einer Adduktorenverletzung laborierende Amerikanerin lag schnell mit 1:3 zurück, wirkte seltsam lethargisch und musste im ersten Durchgang sogar zwei Satzbälle der Nürnberg-Gewinnerin abwehren. „Ich bin einfach froh, es irgendwie geschafft zu haben“, sagte Drama-Queen Williams. Muguruza hatte Samantha Stosur aus Australien (Nr. 21) zuvor mit 6:2, 6:4 bezwungen.

Becker-Schützling Djokovic nutzte das Duell mit Shootingstar Thiem zu einer Demonstration der eigenen Stärke. Nach dem Matchball machte „Nole“ mit den Ballkindern eine Welle und schrieb in ein Herz auf der Kameralinse „Paris“. In der Box stand stolz sein Trainer Boris Becker, der nie einen Paris-Titel holen konnte, und applaudierte zufrieden.

Djokovic (29) wäre der insgesamt achte Spieler mit einer kompletten Sammlung an Major-Trophäen. Von den noch aktiven Profis gehören Roger Federer (Schweiz) und Rafael Nadal (Spanien) diesem illustren Kreis an. Außerdem könnte der Serbe, der 2016 erst dreimal verloren hat, im Stade Roland Garros seinen vierten Grand-Slam-Titel in Serie holen.

Im Duell mit Djokovic zahlte Nizza-Gewinner Thiem trotz einiger spektakulärer Punktgewinne Lehrgeld. Auch eine 3:0-Führung im dritten Satz konnte der 22-Jährige, der ab Montag erstmals in den Top Ten der Weltrangliste stehen wird, nicht nutzen.

Die größten Emotionen nach einer faden Leistung zeigte Williams vor dem vierten Matchball, als die sechsmalige Wimbledonsiegerin „Come on“ brüllte, in die Knie ging und die Faust in den grauen Himmel reckte.

Schon am Tag zuvor hatte die große Serena eine Viertelfinal-Pleite gegen die ungesetzte Julia Putinzewa (Kasachstan) gerade noch abwenden können. Bereits da hatte sich die haushohe Favoritin unerklärliche Aussetzer geleistet und nachher erklärt: „Es gab einen Punkt, an dem ich kein Licht mehr am Ende des Tunnels sah.“

Coach Patrick Mouratoglou sagte: „Der Druck lastet sehr, sehr schwer auf Serenas Schultern. Jeder erwartet immer nur Siege von ihr.“