• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Sport

Adventskalender: Als Schmitti ins „Notstandsgebiet“ kam

05.12.2016

Tossens In einem Regal lagern Toilettenschüsseln und Waschbecken, daneben haufenweise Kartons, ausrangierte Papierkörbe. Ein Paar Paddel, das wohl irgendwer vergessen hat, lehnt achtlos an einer Wand. Früher haben sich hier die „Knaben“ umgekleidet, und gleich nebenan war die Sammelumkleide für die Mädchen.

Manfred Schmidthüsen steuert auf eine unscheinbare Tür zu. Dahinter liegt das, was jahrzehntelang sein Reich war: das ehemalige Seewasserhallenbad in Tossens in der Gemeinde Butjadingen (Kreis Wesermarsch). Von der Eröffnung des Bades am 1. Mai 1974 bis zur Schließung 40 Jahre später hat Manfred Schmidthüsen hier Generationen von Butjandingern das Schwimmen beigebracht. „Da werden Erinnerungen wach“, sagt der 79-Jährige, während er die Schwimmhalle betritt.

Das 25-Meter-Becken mit dem typischen Charme der 70er Jahre – quadratisch, praktisch, gut – ist noch immer randvoll mit Wasser. Doch der Hinweis „Bitte nicht vom Beckenrand springen“, der an einer der Wände auf ehemals schneeweißen Fliesen prangt, täte nicht mehr Not. Geschwommen und gesprungen wird hier schon seit mehr als zwölf Jahren nicht mehr. Die 60 000 Liter Wasser im Becken dienen inzwischen einem ganz anderen Zweck: Sie versorgen in einem Brandfall die Sprinkleranlage des angrenzenden Ferienparks Nordseeküste von Center Parcs mit Löschwasser.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Der Ferienpark an der Tossenser Nordseeallee ist, nur einen Steinwurf vom Deich entfernt, einer der großen Urlauber-Magneten Butjadingens. Center Parcs hat für das zurückliegende Geschäftsjahr 423 000 Übernachtungen verbuchen können. Neben zwei Siedlungen mit Ferienbungalows umfasst der Park einen großen Zentralkomplex mit Hotel, Erlebnisbad, Saunalandschaft, Gastronomiebereich. Wer sich hier aufhält, tut das in dem guten Gefühl, das für den Fall eines Brandes vorgesorgt ist. Center Parcs hatte den Ferienpark 2004 vom vorherigen Betreiber übernommen und nach Auskunft von Manager Christoph Muth umgehend 3 Millionen Euro aufgewendet, um eine Sprinkleranlage nachzurüsten, die es davor nicht gegeben hatte.

Seit dem schlängeln sich Rohrleitungen mit einer Gesamtlänge von 15 Kilometern wie ein Adersystem durch den gesamten Komplex. Mehr als 4000 Sprinklerköpfe stecken in den Decken und Zwischendecken. Es passte gut, dass die Gemeinde Butjadingen das alte Seewasserhallenbad loswerden wollte und Center Parcs gleichzeitig eine Möglichkeit suchte, Löschwasser für die Sprinkleranlage zu bevorraten. Die Eigentümerin des Parks, eine holländische Gesellschaft, übernahm das alte Hallenbad, das somit nicht abgerissen werden musste, sondern auf seine alten Tage noch eine wichtige Funktion erfüllt.

Dafür, dass das Wasser aus dem Becken im Notfall auch noch das letzte Büro und das letzte Hotelzimmer im Zentralkomplex erreicht, sorgt eine Pumpe, die von einem Hochleistungsdiesel mit 400 Pferdestärken und Turbolader angetrieben wird. Während Christoph Muth das erklärt, schaut Manfred Schmidthüsen an dem früheren Sprungturm hoch, vom dem die blaue Farbe langsam abblättert. Draufklettern kann man nicht mehr, weil die Leiter fehlt. „Hier ist manche Träne geflossen, wenn sich jemand nicht traute, zu springen“, erinnert sich Manfred Schmidt-hüsen, den in Butjadingen alle nur Schmitti nennen.

Der heute 79-Jährige, der aus Herne stammt, wollte eigentlich Bergmann werden wie sein Vater. Stattdessen lernte er Maschinenschlosser, fuhr einige Jahre zur See und wurde schließlich Schwimmmeister. Selbst Schwimmen gelernt hatte Schmitti in einem Bombentrichter in seiner Geburtsstadt. 1968 verschlug es ihn in die Wesermarsch, 1974 ergatterte er die Schwimmmeister-Stelle im gerade fertiggestellten Seewasserhallenbad in Tossens. Zur Eröffnung spielte eine Blaskappelle.

Und Manfred Schmidthüsen fand sich in einem, wie er heute sagt, „Notstandsgebiet“ wieder. Denn obwohl Butjadingen auf einer Halbinsel liegt, ergo von viel Wasser umgeben ist, konnten viele Menschen in der Gemeinde nicht schwimmen. Das änderte Schmitti. In seinen letzten Berufsjahren kamen die Kinder von Butjadingen, die er als Kinder unterrichtet hatte, zu ihm ins Hallenbad. Und als Manfred Schmidthüsen in Ruhestand ging, war für ihn noch lange nicht Schluss. Als 400-Euro-Kraft gab er weiterhin Kurse, zunächst im Seewasserhallenbad und nach dessen Schließung im Bad von Center Parcs. Dort setzen nun andere Schmittis Tradition fort – im August verabschiedete sich der Tossenser endgültig vom Beckenrand.

War er ein strenger Schwimmmeister? Manfred Schmidthüsen lässt den Blick durch das menschenleere Seewasserhallenbad schweifen, an dem unerbittlich der Zahn der Zeit nagt. Und an dem so viele Erinnerungen hängen. Er guckt in die Schwimmmeister-Kabine, in der noch immer sein alter Schreibtisch steht, denkt an die Bademodenschauen zurück, die hier früher stattfanden. Und an die wohl gut 7000 Menschen, die bei ihm Schwimmunterricht hatten. „Nein“, sagt er dann und zwinkert mit den Augen, „eher ein lieber“.


NWZ TV   zeigt einen Beitrag unter   www.youtube.com/nwzplay 
Detlef Glückselig Butjadingen / Redaktion Nordenham
Rufen Sie mich an:
04731 9988 2204
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.