ALTENOYTHE - Es dauert keine 15 Sekunden und ich liege auf der Matte. Viel musste mein Angreifer nicht unternehmen, um das zu erreichen. Eigentlich hat er mich nur bedrängt, mich in die Enge getrieben. Ich trete und haue drauf los – meistens lande ich im Leeren.
Einmal erwische ich ihn mit der Stiefelspitze am Schienbein, und einmal knallt ein Faustschlag gegen seinen Kopf – keine Reaktion. Der Mann marschiert immer weiter vorwärts. Ich falle schließlich über meine eigenen Füße und schlage auf der Matte auf.
An dieser Stelle bricht Torsten Dickel den simulierten Angriff ab. Wir lachen, die Situation ist entspannt. Ich bleibe noch eine Weile auf der Matte im Sporthuus in Altenoythe sitzen und lasse mir meine Eindrücke durch den Kopf gehen.
Eigentlich war ich guter Dinge, als ich mich mit Teakwon-Do-Trainer Torsten Dickel für eine Stunde Selbstverteidigung verabredet hatte. Ich bin selbstbewusst, bin mit 1,75 Meter nicht gerade klein und halte mich auch nicht für schwach. Ein beherzter Tritt in den Unterleib wird reichen, um mir den Angreifer von der Pelle zu halten – so viel zu meiner Strategie. Jetzt will ich es einfach mal wissen.
Auf dem Boden der Tatsachen angekommen, bin ich ernüchtert: Ich war chancenlos. Wehrlos. Ein Gefühl, das ich nie kennenlernen wollte. „Es ist der größte Irrglaube, dass ein Schlag in den Unterleib dafür sorgt, dass ein Angreifer von einem ablässt“, erklärt mir Dickel: „Ein Angreifer ist voller Adrenalin, der erholt sich schnell. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass man richtig trifft.“
Die meisten Frauen hätten zudem eine große Hemmschwelle, wenn es um die Anwendung von Gewalt gehe. „Es wird beispielsweise immer gesagt, dass man einem Angreifer in die Augen stechen soll. Aber niemand greift jemandem mal eben so in die Augen. Man wird zur Gewaltlosigkeit erzogen. Und diesen Schalter kann man dann auch in einer Gefahrensituation nicht einfach so umlegen.“ Gehe so eine Verteidigungsstrategie schief, könne die Situation erst recht eskalieren. Dickel: „Was man macht, muss sitzen. Das Ziel muss sein, sich Zeit zum Wegrennen zu verschaffen, indem man den Angreifer in seiner Bewegungsfähigkeit einschränkt.“
Ein Schlag gegen die Nase sei effektiv. Egal von welcher Seite man das Riechorgan treffe, das tue richtig weh und dem Angreifer würden sofort die Tränen in die Augen schießen. Auch Angriffe gegen die Beine seien wirkungsvoll: Tritte gegen Knöchel, Knie und von hinten in die Kniekehle würden einen Angreifer einschränken.
Eine Frau schleppt zudem naturgemäß eine Menge Waffen mit sich herum – in ihrer Handtasche. Also leere ich meine Handtasche auf der Matte aus: „Du kannst dein Handy, den Kugelschreiber oder deinen Lippenstift in die Faust nehmen und damit dem Täter gegen den Kopf schlagen.“ Kleine Aktion, große Wirkung – meinNWZ
-Kugelschreiber erweist sich als zur Verteidigung bestens geeignet. Auch eine Nagelschere oder eine -feile könnten gut zur Abwehr eingesetzt werden.Meine Handtasche an sich taugt nicht zur Waffe, lerne ich. Ich darf Torsten Dickel die schwere Ledertasche mit voller Wucht um die Ohren hauen – ohne Resultat. Alle Gegenstände, die Frauen mit sich herumschleppen, würden einem im Ernstfall nichts nützen, wenn sie in den Tiefen der Handtasche gesucht werden müssen. „Man muss solche Gegenstände griffbereit in der Hosen- und Jackentasche haben.“
