Emden - Da stehen sie also. Ein Dutzend ziemlich kräftiger Kerle, Arme so dick wie die Stämme ostfriesischer Mooreichen, manche mit Tattoos. Beim Betreten des Sportheims kommen mir leise Zweifel, ob das so eine gute Idee war an diesem Donnerstagabend bei Ostfrieslands einziger Armwrestling-Sparte vorbeizuschauen. Vor meinem inneren Auge huscht das Bild einer eingegipsten Hand vorbei. Meiner Hand! Aber der FC Loquard hat diese Abteilung seit kurzem im Programm – und ich wollte den Sport ja unbedingt mal ausprobieren.
Glücklicherweise entpuppen sich die starken „Jungs“ vom FC Loquard direkt auch als feine Kerle und die Angst um die eigene Haut verflüchtigt sich ganz schnell. „Wir wollen hier gemeinsam stärker werden“, sagt Richard Siebels aus Norden. Er ist der Trainer der Gruppe und zusammen mit Spartenleiter Henning Kuhlmann auch ihr Initiator und Gründer. Tatsächlich gehört auch eine Frau der Truppe an. Sie ist an diesem Abend aber nicht dabei.
Voller Körpereinsatz beim Armwrestling beim FC Loquard.
Auf Betriebstemperatur
Wir legen unterdessen los. Vor dem eigentlichen Wettdrücken zeigt Kuhlmann mir die verschiedenen Aufwärmübungen, mit denen Muskeln und Sehnen auf Betriebstemperatur gebracht werden. Das machen alle so, um Verletzungen vorzubeugen. Wir lockern also gegenseitig unsere Handgelenke, ziehen und drücken unsere Arme bei waschendem Widerstand des Anderen über den Tisch und – nun ja – halten dabei Händchen. Allerdings auf eine ziemlich lässige Art und Weise.
Lässiger Stallone
Apropos lässig und Armwrestling: Da kommt einem gleich „Over the Top“ in den Sinn, jener Film, mit dem Hauptdarsteller Sylvester Stallone als US-Trucker Lincoln Hawk dieser Sportart in den 1980er-Jahren ein Denkmal setzte. Lässig den Mützenschirm nach hinten drehen, eine lässige Kleinigkeit am Griff verändern und zack, den Gegner pinnen. So hat er das gemacht, der Stallone.
Bedauerlicherweise habe ich keine Kappe dabei. Dafür gibt es den berühmten Move aus dem Film wirklich: Top Roll heißt die Technik, bei der es darum geht, den Griff des Kontrahenten zu öffnen und Kraft über seine Finger aufzubauen. Überhaupt ist Armwrestling eine überraschend technische Sportart. Muckis schaden aber nicht. Coach Siebels, mit Bart, Glatze und tätowierten Armen äußerlich einer der markantesten Typen der Loquarder Armwrestler, erklärt außerdem das Cupping – dabei versucht man, über ein Abknicken des Handgelenks in eine günstige Position zu kommen – und das Hooking – dabei wird Kraft über die Schulter aufgebaut. So ist jedes Duell immer auch ein ständiges Suchen von Angriffs- und Schwachpunkten.
Gegründet und initiiert haben die Sparte Henning Kuhlmann (Spartenchef) und Richard Siebels (Trainer).
„Viel Potenzial“ , sieht Kuhlmann in der Region. „In Ostfriesland gibt es viele Handwerker und Landwirte, Leute mit großen Händen.“
15 Aktive gehören aktuell zur Loquarder Arm-Wrestling-Gruppe, darunter eine Frau. Mehr sind willkommen. Kontakt: richard.siebels@gmx.de
Gesamter Oberkörper
Vor dem ersten Kampf fasst Kuhlmann das eben Erlernte – soweit man in der Kürze der Zeit davon sprechen kann – zusammen. „Die Kraft kommt aus der Bewegung, wir arbeiten mit dem ganzen Oberkörper“, erklärt der Spartenchef. Ebenfalls wichtig: Eher ziehen als drücken, Hüfte an den Tisch und den Winkel des aufgestellten Armes möglichst klein halten. „Wir wollen alles eng aneinander haben. Je enger, desto besser der Hebel“, sagt Kuhlmann.
So gerüstet bestreite ich ein, zwei Duelle und natürlich gewinne ich – nicht. Da hilft kein Technik-Kniff, wobei ich die wahrscheinlich auch nicht richtig anwende. Dafür sieht’s irgendwie cool aus. Wirkungslos. Aber cool.
Der Meister-Bezwinger
Der wohl Stärkste der Loquarder Gruppe ist übrigens Timo Lührsen. Er hat beim Training mit den befreundeten Armwrestlern aus Rheine den mehrfachen Deutschen Meister Klaus Surmann ein paarmal geschlagen. Ein Duell zwischen uns beiden erübrigt sich dann wohl.
Doch auch, wenn ich an diesem Donnerstagabend keine Chance habe, irgendetwas zu gewinnen, muss ich zugeben: Armwrestling macht überraschend viel Spaß – und die Muckis haben auch etwas davon.
