Oldenburg - Lange haben die Speckrollen am Bauch keinen gestört. Zwischen den Sofakissen sind sie sowieso keinem aufgefallen. Beim Futtern gab’s keine Reue. Schön war das – friedlich und bequem. Bis zu diesem Tag vor vier Jahren. Da stand sie plötzlich vor ihm. In ausgebeulter Turnhose und billigen Turnschuhen hat sie gesagt: „Es reicht. Raus“. Dann ist sie losgelaufen – und hat bis heute nicht aufgehört.
Faultier Felix
Der Weg vom Sportmuffel zur Marathonteilnehmerin führte für Evelyn Hellwig am Hundekorb vorbei: Faultier Felix braucht Bewegung, hat die Oldenburgerin beschlossen. Frische Luft und erhöhter Energieverbrauch könnten auch ihr nicht schaden – auch wenn sie das auf den ersten, beschwerlichen Metern gedacht hat. „Die Straße hoch – Richtung Ikea, weiter bin ich am Anfang nicht gekommen“, sagt Evelyn Hellwig. Während Hund Felix beim Gassi-Rennen auf der Strecke geblieben ist, hat die Oldenburgerin der Ehrgeiz gepackt: Ein Jahr später gehörten die Runden um den Tweelbäker See für sie zum Wochenende, wie Schokokekse zum Kaffee. Auf die allerdings verzichtet die 41-Jährige derzeit. Am 27. September will sie nämlich beim Berlin-Marathon durchstarten.
Auf’s Siegertreppchen unter 40 000 Teilnehmern rechnet sich die Oldenburgerin keine großen Chancen aus: „Ein Kenianer hat die 42,195 Kilometer mal in 2,2 Stunden geschafft – ich peil’ vier Stunden 45 an“, sagt sie und betrachtet das Gebäck auf dem Kaffeetisch. „An Süßem konnte ich noch nie vorbei gehen“, sagt sie sehnsüchtig seufzend. Die Lauferei – inklusive der zum Naschschrank – haben der Sportlerin bislang einen Verlust von acht Kilo eingebracht. Bis zum Startschuss in der Hauptstadt sollten eigentlich noch vier weitere runter. „Mein Schwager fragt sich immer, wie meine Gelenke das aushalten“, sagt Evelyn Hellwig.
Strenger Schwager
Der drahtige Verwandte ist trotz perfektionistischer Nörgeleien ihr Vorbild – „weil er schon beim New York-Marathon mitgelaufen ist“. Die 180-Kilometer-Tortur will Evelyn Hellwig im Jahr 2020 bewältigen – mit 50. Besser spät als nie. Ähnliches denken auch Mann und Tochter, die beide begeisterte Sportler und Vereinsmitglieder sind. Da war die 41-Jährige lange das schwarze Schaf. Neben Hund Felix. Aber der hat braunes Fell. Und ein dickes sowieso.
Wenn die Familienmutter mal nicht joggt, kriegt sie schlechte Laune. Oder macht Yoga. Das helfe auch – als Ausgleich für den stressigen Job am Empfang einer Arztpraxis. Dauerverschnupften und übergewichtigen Patienten würde die gelernte Wirtschaftsassistentin am liebsten ihr eigenes Geheimrezept, das Laufen, verschreiben. „Oder wenigstens Aqua-Gymnastik. Das kann jeder – wenn sogar ich das schaffe.“ Als Jugendliche hat sich die Oldenburgerin gerne mit selbst geschriebenen Entschuldigungen vor dem Schulturnen gedrückt.
Seit ihrem ersten Wettkampf ist das Schnee von gestern: „Nach dem Oldenburg-Marathon 2013 war ich angefixt“, sagt sie und greift am süßen Teller vorbei zum Wasserglas. Nach weiteren Lauf-Veranstaltungen in der Region hat sie die Online-Bewerbung für den Berlin-Marathon abgeschickt. Wer kein Profisportler ist, geht mit einer ausgelosten Nummer an den Start. Bis hierhin hatte Evelyn Hellwig also schon mal Glück. Zur Belohnung hat sie für 188 Euro gleich das Komplettpaket mit anschließender Massage und Sieger-Shirt gebucht. Begleitet wird sie vom Gatten, der zehnjährigen Tochter und Freunden. Damit die ihr noch besseren Gewissens vom Bürgersteig aus zujubeln können, trainiert die Oldenburgerin fleißig fünf Mal die Woche: „Am liebsten gleich morgens. Ein, zwei Kaffee und dann los.“ Statt dem bewegungsfaulen Hund kommt der MP3-Player samt Metallica-Songs mit. Frauchen trägt inzwischen keine verbeulte Couch-Potato-Kluft mehr. Mit einem ganzen Arsenal an Laufschuhen ist sie bald Carrie Bradshaw auf den Fersen – bloß dass die Sex-and-the-City-Heldin High Heels statt gelgepolsterter Sohlen bevorzugt.
Fitte Familie
Vom Sofa lockt Felix das leider immer noch nicht – auch beim familiären Aktivurlaub an der See hat er bloß beleidigt neben dem Strandkorb gelegen, während die Hellwigs ihre Körper getrimmt haben. Tierisch bescheuert, die Menschen. Immerhin stören sie sich nicht mehr an seinen Speckröllchen. Und solange sie ihn weder hundsgemein ins Schwitzen bringen noch weglaufen, ohne zurück nach Hause zu kommen, bleibt Felix sportlich-gelassen.
