Breslau - Der Doppel-Schock erreichte die deutschen Handballer per Telefon. Bundestrainer Dagur Sigurdsson saß am Montagmittag gerade auf der obligatorischen Pressekonferenz, als ihn die schlimmen Nachrichten aus dem Krankenhaus ereilten und sich seine Miene schlagartig verfinsterte: Kapitän Steffen Weinhold und Torjäger Christian Dissinger fallen für den Rest der EM aus – zwei Hiobsbotschaften.

„Es ist ein absoluter Schock und ziemlich bitter für uns“, sagte Sigurdsson mit aschfahlem Gesicht und sprach mit Blick auf das „Endspiel“ ums Halbfinale an diesem Mittwoch (18.15 Uhr Uhr/ARD) gegen Favorit Dänemark nun von einer „Riesenaufgabe“. Auf solch „kurzfristige Ausfälle“ könne man sich nicht vorbereiten. Und doch haderte Sigurdsson nur kurz, und versprach im nächsten Atemzug: „Wir werden kämpfen bis zum Umfallen und nicht aufgeben. Aber es wird sehr schwer.“

Weinhold, so die verhängnisvollen Informationen aus der Klinik, fällt mit einem Muskelbündelriss im Adduktorenbereich des linken Oberschenkels sechs bis acht Wochen aus. Sein Kieler Vereinskollege Dissinger, der im Krimi gegen Russland (30:29) – bei dem in der ARD im Schnitt 6,04 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher mitfieberten – mit sieben Treffern zum besten Torschützen avanciert war, wird ebenfalls wegen einer Adduktorenverletzung bei der EM nicht mehr zum Einsatz kommen.

Noch mehr schmerzt aber der Ausfall von Weinhold. Der Linkshänder, der ein herausragendes Turnier gespielt und sich mit seiner folgenschweren Abwehraktion in der Schlussminute für das Team geopfert hatte, reagierte trotz aller Enttäuschung erstaunlich gefasst. Natürlich sei er „sehr traurig und enttäuscht“, sagte der Linkshänder, „aber ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass wir die Chance haben, das Halbfinale zu erreichen“.

Dafür benötigt die mit 14 EM-Debütanten gespickte DHB-Auswahl zwingend einen Sieg gegen das skandinavische Starensemble. Bei einem Erfolg mit drei Toren Differenz wäre der Einzug in die Medaillenrunde ungeachtet aller Eventualitäten sicher.

Neue Kraft verspricht sich Sigurdsson von den Nachrückern Kai Häfner (TSV Hannover-Burgdorf) und Julius Kühn (VfL Gummersbach). Noch am Montag ließ er die beiden nach Breslau einfliegen. „Ich bin bereit und werde alles geben, um der Mannschaft zu helfen“, sagte Häfner, immerhin bester Feldtorschütze der Handball-Bundesliga, als er zusammen mit Kühn um 13.20 Uhr das Teamhotel in der Innenstadt bezog.

In der Führungsetage des Verbandes gab man sich nach den Ausfällen der Stammkräfte Nummer fünf und sechs derweil Mühe, die Ruhe zu bewahren. „Es tut weh, wenn der Kapitän in einer so wichtigen Phase von Bord geht“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning: „Aber in jedem Schicksal liegt eine Chance.“