BOOKHOLZBERG - Auf den ersten Blick wirkt der Platz, auf dem der „Circus Montana“ sein Winterquartier aufgeschlagen hat, etwas verschlafen: Wohn- und Zirkuswagen, ein Stallzelt sowie ein Tiergehege stehen einander gegenüber – in Kürze soll noch das als Trainingsraum und Werkstatt zweckentfremdete Vorzelt des großen Zirkuszelts dazukommen.
Doch der erste Eindruck täuscht, denn ein Blick in Wohnwagen und Zelte des Familienbetriebs offenbart geschäftiges Treiben. Es wird gekocht, geputzt und repariert, Ponys, Esel und Ziegen werden gefüttert und erhalten ihre tägliche Fellpflege, Futternachschub wird organisiert und neue Zirkusnummern für die kommende Saison werden geplant und einstudiert.
Bis zum vorigen Wochenende noch gastierte der Circus Montana mit seinem Weihnachtszirkus in Bremen-Blockdiek, am Montag bezogen die 17 Artisten schließlich ihr Winterdomizil – eine Grünfläche an der Stedinger Straße/Ecke Brummelhoop in Bookholzberg.
Juniorchefin Tunita Bossle kennt das Zirkusleben seit ihrer Kindheit und kann sich keine andere Lebensweise vorstellen. „Wir müssen eigentlich auf nichts verzichten“, erzählt die 33-Jährige, die sich mit Ehemann David und den Kindern Dennis (12), Leon (10), Loreen (8) und Antonio (7 Monate) einen Wohn-, einen Bade- und einen Campingwagen teilt. „Schwierig wird es nur, wenn es im Winter so kalt wird, dass die Wasserleitungen einfrieren.“ Doch auch in dieser Situation bleibt Tunita Bossle gelassen: „Dann wird sich eben mal einen Tag mit dem Waschlappen gewaschen, oder wir gehen ins Hallenbad.“
Das Zirkusleben, besonders kleiner Zirkusse, bedeutet einen harten Existenzkampf – finanzielle Rücklagen sind kaum möglich. Das vorige Gastspiel in Bremen etwa habe nicht einmal die Kosten gedeckt, erläutert Tunita Bossle. Im Jahresdurchschnitt würden die Vorstellungen von 20 bis 25 Gästen besucht, 100 Zuschauer seien die absolute Ausnahme. Die Eintrittspreise – beim „Circus Montana“ zwischen fünf und 12 Euro – mögen hoch erscheinen, doch die stetig steigenden Futter- und Benzinpreise seien dadurch schwerlich aufzufangen. Wenn Geld und Lebensmittel einmal knapp werden, greift im „Circus Montana“ die interne „Familienhilfe“. Insgesamt 17 Personen gehören zu dem Kleinunternehmen – „wer gerade selbst nicht genug hat, wird bei den anderen Familienmitgliedern verpflegt“, erklärt Tunita Bossle. Im Winterlager vergrößert sich der Familienkreis sogar noch um einige Mitglieder: Ebenfalls sein Winterlager am Brummelhoop aufgeschlagen hat der „Circus Pfiffikus“, der von Tunita Bossles Onkel
geleitet wird.
Noch bis April oder Mai wird der „Circus Montana“ bleiben, dann stehen die nächsten Gastspiele an und der Zirkus zieht im Vier- oder Fünftagesrhythmus weiter. Bis dahin heißt es für Dennis, Leon und Loreen: Lernstoff aufholen. „In der Gastspielzeit besuchen die Kinder eine Schule maximal fünf Tage am Stück“, so Tunita Bossle. „Da entstehen ab und zu Lücken.“ Gerade haben die Kinder ihre erste Woche an der Haupt- bzw. Grundschule Bookholzberg hinter sich und haben dort bereits Freunde gefunden.
