Bookhorn - Manchmal wird Jürgen Dietrich-Glahé ein bisschen neidisch, wenn er auf die Verhältnisse in China blickt: „Da ist Taubenfliegen ein Volkssport“, schwärmt der 2. Vorsitzende der Reisevereinigung Delmenhorst-Ganderkesee. „Und es ist ein Sport der Millionäre!“ Brieftauben werden im Reich der Mitte wie Fußball-Profis gehandelt: Die Verkaufssummen bewegen sich bis in den siebenstelligen Bereich. Und bei Wettbewerben ist ein Auto als Siegprämie nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Damit kann die hiesige Reisevereinigung nicht dienen: „Es gibt Urkunden und ab und zu auch mal kleine Geldpreise“, erzählt Dietrich-Glahé. „Aber das ist für uns gar nicht die Motivation“, betont er. „Wir sind Amateure und erfreuen uns einfach an den Leistungen unserer Tauben.“ Wobei natürlich jeder Züchter bestrebt ist, dass seine Tiere sich als besonders leistungsstark und schnell erweisen – das ist schließlich der Beleg für die Qualität der eigenen Zuchtarbeit.

Als Lohn für diese Arbeit gibt es zwar keine Autos, aber Anerkennung und Auszeichnungen. Und die erhielten am Sonnabend bei der Vereinsausstellung in der alten Bookhorner Schule diejenigen Mitglieder, deren Tauben bei den insgesamt zwölf Preisflügen in dieser Saison am häufigsten in den Siegerlisten platziert waren. Bei den jährigen Männchen siegte Manfred Schüttke, bei den jährigen Weibchen belegte die Schlaggemeinschaft Rainer und Martin Herbst den Spitzenplatz. Die Preise für die besten Alttauben gingen an Helmut Strodthoff (Männchen) und Klaus Grieger (Weibchen). Und bei den Jungtauben hatte Sebastian Schoepe die meisten Platzierungen.

In diesem Sommer hat die Reisevereinigung einen Preisflug ausfallen lassen – wegen zu großer Hitze. „Da muss man vorsichtig sein“, sagt Dietrich-Glahé. Verluste gibt es ohnehin schon genug: Nicht alle Tiere kehren zurück. Schlechtes Wetter ist oft die Ursache, das beeinflusst das Magnetfeld, an dem sich die Tiere unter anderem orientieren. Es kommt auch vor, dass Preisflüge sich kreuzen und Tauben sich dem falschen Zug anschließen.

Das größte Übel für den Taubensport seien aber die Raubvögel, „die sorgen zunehmend für Verluste“, beklagt der 2. Vorsitzende. Habichte, Sperber oder Falken greifen sich die Tauben oft schon, wenn sie nur kurz den Schlag verlassen. Für die Züchter ist das eine Plage: „Die Taube muss sich im Schlag sicher fühlen“, erklärt Jürgen Dietrich-Glahé. „Jungvögel, die verängstigt sind, kann man für Preisflüge nicht mehr gebrauchen.“

Aber es geht ihm nicht nur um die Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch um das Tier an sich: Zu den meisten seiner Tauben hat der Züchter eine innige Beziehung – und umgekehrt: „Manche Tauben fliegen im wahrsten Sinne auf den Züchter“, weiß Dietrich-Glahé. Besonders die Weibchen suchen die Nähe zu ihnen vertrauten Menschen. Jeder Verlust gehe ihm persönlich nahe, gesteht der 2. Vorsitzende der Reisevereinigung. Vor jedem Flug sei deshalb auch die Fähigkeit des Züchters gefordert, „loslassen“ zu können.

Worunter die Taubenzüchter noch leiden, ist der Nachwuchsmangel. Es gebe kaum mehr junge Leute, die sich für den Taubensport interessieren, bedauert Jürgen Dietrich-Glahé. Bei der vierstündigen Ausstellung am Sonnabend in Bookhorn, wo die besten 50 Tauben präsentiert wurden, hatte sich nach drei Stunden auch noch kein Besucher blicken lassen, der nicht zur Reisevereinigung gehörte. In China wäre das undenkbar.

Hergen Schelling
Hergen Schelling Redaktion für den Landkreis Oldenburg (Leitung)