Le Havre/Oldenburg - Fünfmal ist Boris Herrmann um die Welt gesegelt. Wie oft der deutsche Segel-Star den Atlantik bei seinen zahlreichen Regatta-Teilnahmen schon ohne Motor, sondern nur durch Windkraft überquert hat, weiß er wahrscheinlich selbst gar nicht. Was für die meisten Menschen undenkbar ist, ist für den aus Oldenburg stammenden 42-Jährigen nicht nur Hobby, Sport und Teil des Berufs, es ist „eine Lebensaufgabe“, sagte er nun in einem Interview der „Bild“-Zeitung. Und: „Segeln ist mein Leben“.
Aufholjagd
So befindet er sich auch in diesen Tagen wieder mitten auf dem Atlantik, gemeinsam mit seinem Co-Skipper Will Harris an Bord der von ihm mitgestalteten „Seaexplorer“. Bei der Transat Jacques Vabre segelte das Duo am Mittwochabend auf dem sechsten Platz – das ist deshalb bemerkenswert, weil bei der „Seaexplorer“ kurz nach dem Start im französischen Le Havre sämtliche Autopiloten und Kompasse ausgefallen waren. Herrmann und Harris beratschlagten bereits, welchen europäischen Nothafen sie anlaufen – da fand Herrmann doch noch einen Weg, wie der Autopilot Kurs hielt, und die Aufholjagd konnte beginnen. Da lag das Team Malizia unter den 34 Teilnehmern und Teilnehmerinnen weit weg von den Top 10 – jetzt ist das Duo wieder nach vorne gesegelt.
Abenteuer
Ob es ganz nach vorne geht, hat zwar mit der Qualität des Bootes und den Fähigkeiten der Segler zu tun – aber auch ein bisschen mit Glück. Denn die Flotte hat sich aufgeteilt, einige segeln eine nördliche Route in Richtung Zielhafen auf der Karibikinsel Martinique, andere – wie Herrmann – eine südlichere. Wie genau Winde sich entwickeln, können weder Mensch noch Computer so ganz genau voraussagen. Aber sonst wäre ja auch der Nervenkitzel weg: „Raus auf den Ozean gehen ist immer ein Sprung ins Ungewisse, ist immer die Konfrontation mit der Natur, die am Ende stärker ist. Die unvorhersehbar ist. Und das macht diesen großen Reiz aus“, sagte Herrmann der „Bild“: „In unserer Alltagserfahrung haben wir das kaum noch. Alles ist vorhersehbar, planbar. Tage auf dem Meer sind immer wieder eine Überraschung.“
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Die „Abenteuerkomponente“ sei ihm wichtig, ergänzt Herrmann. Aber er sei auch Wettbewerber, Konkurrent und Technikfreak: „Ich liebe diese Schiffe. Ich bin auch ein Klimaaktivist, das würde ich auch unterschreiben.“
Abenteurer? Wer auf einem derart kleinen Carbon-Rennboot um die Welt segelt, darf sich mit Fug und Recht so nennen. Wettbewerber? Herrmann legt stets viel Wert darauf, gute Rennen zu segeln und so viele Konkurrenten wie möglich hinter sich zu lassen. Als die „Seaexplorer“ an den vergangenen Tagen aufholte, postete das Team Malizia ein Video von Bord mit dem Titel: „Wir holen auf!!!“. Technikfreak? Das muss man wohl sein, um im Zirkus der Weltumsegler so wettbewerbsfähig zu sein, um wie Herrmann beim prestigeträchtigsten Einhandrennen um die Welt, der Vendée Globe, Sechster zu werden. Nach diesem Erfolg bei der letzten Austragung vor drei Jahren will Herrmann in einem Jahr erneut an dem Rennen teilnehmen.
Aktivist
Und Klimaaktivist? Herrmann und Harris deponierten am Samstag – wie schon bei der Transat Jacques Vabre 2019 – eine 25 Kilo schwere Boje vor der Küste Portugals, die etwa zwei Jahre lang Daten über Wassertemperatur, Luftdruck und Meeresströmungen an Wissenschaftler übermittelt. Mit diesen Daten wollen Forscher die Entwicklung des Klimawandels und die Rolle der Ozeane darin besser verstehen. Fünf andere Teams des Imoca-Rennens haben ebensolche Bojen im Atlantik deponiert. Die Wissenschaft freut sich also über Abenteurer wie Herrmann, die mit ihren Segelyachten an Orte in den Ozeanen kommen, wo sonst niemand hinkommt.
