Kap Hoorn/Chile - Es sind „nur noch“ 2000 Seemeilen bis nach Itajaí, dem Ziel der Königsetappe beim Ocean Race. Gerade umsegelt Boris Herrmann in Führung liegend das Kap Hoorn. Eigentlich ein doppelter Grund zum Feiern, viele Segler stoßen nach dem Passieren der Südspitze Südamerikas mit einem Whiskey darauf an, dem Südpolarmeer entkommen zu sein und gen Norden in wärmere Gefilde aufzubrechen. Doch dem aus Oldenburg stammenden Herrmann und seiner Crew war am Montag trotz Führung nicht so richtig zum Feiern zumute.
Tapfere „Piratin Rosie“
Denn Co-Skipperin Rosalin Kuiper hatte sich bei einem Sturz aus ihrer Koje Kopfverletzungen und eine Gehirnerschütterung zugezogen. Bei einer unerwartet heftigen Schiffsbewegung am Sonntagmorgen etwa 400 Seemeilen westlich des Kap Hoorn war die schlafende Niederländerin aus der Koje katapultiert worden. Darüber informierte das Team Malizia nun am Montagmorgen.
Beim Sturz schlug Kuiper mit dem Kopf so unglücklich auf, dass sie sich eine zunächst stark blutende Platzwunde über der rechten Augenbraue und Prellungen zuzog. Diagnose und Behandlung stimmte Herrmann mit Ocean-Race-Rennarzt Spike Briggs vom MSOS (Medical Support Offshore Ltd.) ab. Erste Hilfe hatten Co-Skipper Will Harris und Anbord-Reporter Antoine Auriol geleistet. Da sich auch der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung bestätigte, wird Kuiper von den anderen Crew-Mitgliedern weiter durchgehend überwacht.
Herrmann und Co. kämpfen nun außerdem darum, Kuiper im starken Seegang möglichst ruhig zu halten. „Wir tun, was wir können, um das Boot stabil zu halten, aber die Bedingungen sind unglaublich hart. Rosie ist wirklich tapfer und versucht, sich auszuruhen“, sagte Co-Skipper Will Harris. Die Fortsetzung des Rennens sei laut Mitteilung des Teams angesichts der abgelegenen Position des Bootes und der Tatsache, dass sich Kuiper in einem stabilen Zustand befindet, die „beste Option“. Die Niederländerin sei „auf dem Wege der Besserung“.
Führung verteidigt
„Ich sehe jetzt aus wie Piratin Rosie“, sagte Kuiper, die sich tapfer gab: „Ich werde darüber hinwegkommen.“ Die Schläge des Bootes seien „zwar ziemlich hart und hallen in meinem Kopf, aber ich werde wieder gesund. Die Jungs kümmern sich sehr gut um mich.“
Kritische Situationen am Kap Hoorn kennt Herrmann übrigens bereits: Vor gut zwei Jahren während der Vendée Globe hatte der gebürtige Oldenburger ebenfalls keine Zeit, mit Whiskey zu feiern. Er hatte kurz zuvor einen Riss im Großsegel entdeckt und musste dieses flicken, damit es nicht komplett reißt – das hätte das Ende des Rennens bedeutet. Während der komplizierten Flick-Aktion war Herrmann „24 Stunden im Krisenmodus“, wie er damals sagte. Am Ende der Vendée Globe war er Fünfter geworden.
Am Montag führte sein Team Malizia die Ocean-Race-Flotte am 29. Tag der Königsetappe von Kapstadt nach Itajaí in Brasilien an. Die Herrmann-Crew verteidigte erfolgreich in abnehmenden Winden einen Vorsprung von rund 30 Seemeilen auf die im Gesamtklassement führende Schweizer „Holcim-PRB“. Die Teams „Biotherm“ und „11th hour racing“ lagen weitere 200 Seemeilen dahinter. Mit der Ankunft in Itajaí wird im Laufe der kommenden Woche gerechnet. Und dann kann hoffentlich gefeiert werden.
