Alicante/Oldenburg - Als Aktivist würde sich Boris Herrmann nicht bezeichnen. Er betreibe „zu wenig Aktivismus, um Aktivist zu sein“, erklärte der aus Oldenburg stammende Segel-Star im spanischen Alicante kurz vor dem Start ins Ocean Race an diesem Sonntag (15.30 Uhr/Eurosport) auf eine dahingehende Frage. Die ist nicht unberechtigt, schließlich hat sich der 41-Jährige wie auch sein ganzes Team den Kampf gegen den Klimawandel sprichwörtlich auf die Fahne geschrieben – oder besser gesagt das Segel.
Boje und kleines Labor
Mit dem Spruch „A race we must win“ („Ein Rennen, das wir gewinnen müssen“) ist eben nicht das einmal um die Welt führende Ocean Race über etwa 32 000 Seemeilen (59 200 Kilometer) und auch nicht die angestrebte Solo-Weltumseglung Vendée Globe 2024/25 gemeint – sondern das Rennen gegen den Klimawandel. Auch die Forderung „Climate Action now!“ steht auf einem Segel der Yacht „Seaexplorer“ – frei übersetzt etwa: „Handelt jetzt!“
Und das tun Herrmann und seine Crew, wie auch alle anderen vier am Ocean Race teilnehmenden Imoca-Yachten. Weil sie im Rahmen des Rennens an Orte gelangen, wo nur sehr selten Menschen hinkommen, ist es so wertvoll, dass sie dort Daten sammeln. Sein Team Malizia hat einen „Argo Float“ dabei, eine zylinderförmige Boje, die verschiedene Parameter im Wasser misst – wie Temperatur, Salzgehalt oder CO2-Konzentration. Diese wiegt etwa 20 Kilogramm. Auch ein etwa koffergroßes automatisches Labor hat das Team an Bord. „Das ist sehr ungewöhnlich, dass ein Rennboot freiwillig etwas so Schweres mitnimmt“, betont Herrmann: „Jedes Team hat ein wissenschaftliches Instrument dabei. Sie alle helfen, Daten im Ozean zu sammeln, die wiederum bei der Wettervorhersage, aber auch der Klimawissenschaft helfen.“ Während die Boje der „Seaexplorer“ die CO2-Konzentration misst, sammelten die Konkurrenten unter anderem Daten zur Bioaktivität oder zu Mikroplastik in den Ozeanen.
Radikalere Maßnahmen
„Unser Team war immer schon fokussiert auf das Klima und den Klimawandel“, betonte Herrmann, der bei der Vendée Globe vor zwei Jahren einen der größten Datensätze auf diesem Feld sammeln konnte. „Die Ozeane sind Eckpfeiler in unserem System, wo Klimawandel auch passiert. Wir segeln auf ihnen, und wir bringen Daten mit, auch von Stellen, wo sonst niemand Daten sammelt, wie im Antarktischen Ozean“, sagte Herrmann, der sich aber „leidenschaftlich“ gern im Kampf gegen den Klimawandel einbringt. Das sei im Rennen ein kleines Opfer, das er bringen müsse, aber es „gibt dem, was wir tun, das Segeln an so einsame Orte, auch einen guten Sinn“. So sicherten die Daten der „Seaexplorer“ den wissenschaftlichen Konsens und unterstützen dabei, schnellere und radikalere Maßnahmen gegen den Klimawandel zu fordern.
Und das Engagement seines Teams zeige vielleicht, so Herrmann, dass jeder etwas tun kann und „jeder zumindest ein kleines bisschen ein Aktivist sein kann“.
