Norden - Wenn Femke Wilberts auf ganz hohem Niveau klagen wollte, könnte sie anführen, dass es zu einem kompletten Medaillensatz nicht ganz gereicht hat. Auf die Idee kommt die Norderin aber nicht. Schließlich gehörte die Boßlerin, die seit frühester Kindheit für den KBV „Noord“ startet, bei der Europameisterschaft in Neuharlingersiel zu den herausragenden Athletinnen. Ihre glänzenden Auftritte krönte sie am Abschlusstag mit dem Titel im Standkampf – der Disziplin, in der sie sich eigentlich die geringsten Chancen ausgerechnet hatte. Dazu gab es Silber im Feldkampf. Anschließend ließ es die 20-Jährige bei der Abschlussparty krachen.

Monatelang hatte sich Wilberts akribisch auf ihren zweiten EM-Start vorbereitet, nachdem sie bei ihrer Premiere vor zwei Jahren in Schleswig-Holstein die Heimreise ohne Medaille antreten musste. Statt das geplante Studium in Medizin oder Sozialer Arbeit aufzunehmen, entschied sie sich für ein Freiwilliges soziales Jahr in der Dr.-Becker-Klinik in Norddeich, um ihre Heimatstadt nicht verlassen zu müssen. Viermal wöchentlich absolvierte sie unter der Regie des Trainer-Ehepaars Hans-Bernd und Eva-Susanne Eilers vom Norder TV ihre Leichtathletik-Einheiten. Denn die Niedersachsenmeisterin im Speer- und Diskuswurf will möglichst bald ihr Debüt im Siebenkampf geben. An allen anderen Tagen stand Boßeltraining auf dem Plan.

Im Gegensatz zu einigen anderen Werferinnen und Werfen im Aufgebot des Friesischen Klootschießerverbandes (FKV) konnte Wilberts mit dem Druck umgehen. Der Auftakt am Freitag hätte kaum besser verlaufen können. Im Feldkampf lag sie nach neun Würfen mit der Hollandkugel vor der niederländischen Topfavoritin Silke Tulp, die mit dem letzten Versuch den Spieß aber noch umdrehen konnte und die deutlich jüngere Konkurrentin auf den Silberrang verwies. Sonnabend verpasste die Norderin mit dem Eisenkugelwerfen auf der Straße nur haarscharf Rang drei. In der Addition der zehn Würfe fehlten ihre gerade einmal zwei Meter zur Bronzemedaille.

Die Unterbringung in der Jugendherberge, die die Funktion eines kleinen „Olympischen Dorfs“ übernehmen sollte, genoss Wilberts in vollen Zügen. Schließlich bestand da ausreichend Gelegenheit, mit anderen Sportlern ins Gespräch zu kommen. Die befürchteten abendlichen Partys blieben zunächst aus. „Nachts war es super ruhig, ich konnte prima schlafen“, so die Athletin, die zum Ausklang noch einmal zu großer Form auflief und Gold im Standkamp holte. Ihr bester der drei Versuche landete bei 67,35 m, was auch noch eine neue Bestleistung bedeutete.

Axel Einemann von Radio ffn zeigte sich von Wilberts so begeistert, dass er sich von ihr noch spontan einige Tipps geben ließ. Die halfen ihm aber auch nicht, seine Wette zu gewinnen. Mit 27 Metern blieb er im Standkampf deutlich unter der von ihm selbst vollmundig angekündigten 50-Meter-Marke und musste zur Strafe die Siegerehrung moderieren. „Das hat er super gemacht“, lobte Wilberts, die anschließend richtig Gas gab. Die Abschlussfeier dauerte bis 2 Uhr, anschließend machte sie gemeinsam mit vier anderen die Nacht zum Tag und machte durch. „Morgens hatten wir dann alle Lust zum Schwimmen und sind in den Kanal hinter der Jugendherberge gehüpft“, berichtete sie.

Ingo Janssen
Ingo Janssen Ostfriesland-Redaktion/Norden