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Schicksal Der lange Weg zurück ins Leben

Norbert Wahn

Bokel - Er trainiert im Fitnessstudio in Kayhauserfeld wie viele andere: Kurz- und Langhantel, Butterfly, Bizeps, Trizeps und auf dem Cross-Trainer. Der Schweiß läuft dem 49-Jährigen herunter, er wirkt konzentriert, es macht ihm Spaß. Und er braucht das. Er hat zu viel Adrenalin im Körper und sucht die körperliche Herausforderung. Doch das ist nicht sein Hauptproblem – aber das Training hilft.

Tomas Hauschild aus Bokel im Ammerland befindet sich auf einer langen Rückreise ins Leben, in den Alltag.

Der 1. Juni 2010 hat sein und das Leben seiner Familie total auf den Kopf gestellt, radikal verändert. Alles auf Anfang. Es war der 1. Juni 2010. Der Sprengmeister des Kampfmittelräumdienstes wird mit seinen Kollegen zur Entschärfung eines Blindgängers nach Göttingen gerufen. Routine ist das nie.

Künstliche Trommelfelle

Noch bevor die Männer an die Entschärfung gehen können, detoniert der Blindgänger: 21.36 Uhr. Drei Kollegen von Tomas Hauschild sind sofort tot, er selbst war etwas weiter weg. „Da war ein Blitz, eine unvorstellbare Hitze.“ Der Sprengmeister wird nicht bewusstlos. Er spürt ein Dröhnen im Kopf, hört nichts mehr, wird von über 100 Splittern am Körper getroffen, hat starke Verbrennungen im Gesicht und auf dem Rücken. Aber bis zur ersten Notoperation ist der zweifache Familienvater bei vollem Bewusstsein.

Aus. Er wird für einige Tage ins künstliche Koma versetzt. „Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Eine Bombe mit Langzeitzünder.

Tage später erwacht er aus dem Koma. Drei Wochen weicht seine Frau nicht von seiner Seite, lebt im Hotel in Göttingen. Nachbarn und Freunde kümmern sich um Sohn und Tochter.

Zusammengerechnet liegt Tomas Hauschild danach mehr als ein Jahr in Krankenhäusern in Göttingen, Oldenburg und Hamburg. Er erhält unter anderem zwei künstliche Trommelfelle.

Der heute 49-Jährige muss wieder laufen lernen. Und will endlich wieder selbst aufs Klo gehen. Er baut sich auf, Schritt für Schritt. Aber allein geht das natürlich nicht. Und da kommt noch etwas anderes hinzu: Der Ammerländer leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Wie Soldaten, die aus dem Kampf in Afghanistan zurückkehren. Hauschild macht bestimmte Therapien gegen diese Belastungsstörung.

Vater war Feuerwerker

Gespräche, Massagen, Sport, Entspannungstherapien – wie kann man ein solches Erlebnis verarbeiten? Im März 2011 meldet sich Tomas Hauschild auf eigenen Wunsch beim Arbeitgeber, dem Land Niedersachsen, zurück zum Kampfmittelbeseitigungsdienst. Aber beim ersten Einsatz merkt er: Es geht nicht.

So war dann für alle klar, dass es eine andere Verwendung für den ehemaligen Sprengmeister geben muss. Er wird zur Waffenwerkstatt der Polizei in Oldenburg abgeordnet.

Tomas Hauschild hat Schmied und Schlosser gelernt. „Mein Vater war Feuerwerker, das wollte ich auch werden.“ Der Vater wurde zweimal verletzt. „Ich wusste, worauf ich mich einlasse“, sagt der Sohn.

Es ist ein schwerer Weg zurück in den Alltag. Er muss auch noch akzeptieren, dass es Dinge gibt, die vor dem Unglück selbstverständlich waren, jetzt nicht mehr funktionieren. Etwa seine Hobbys Tauchen und Musik in voller Qualität hören. Menschenansammlungen meidet der 49-Jährige, ins Flugzeug mag er auch nicht steigen und versucht, immer alles unter Kontrolle zu haben. Ab und an hat er Gleichgewichtsstörungen, kann manchmal tagelang nicht schlafen und leidet unter einem Rauschdröhn-Tinitus. Er muss Medikamente nehmen.

Offiziell gilt Tomas Hauschild als kriegsgeschädigt. Als er einmal seinen Schwerbehindertenausweis vorzeigt, ruft sein Gegenüber die Polizei. Es kann doch nicht sein, dass so ein durchtrainierter Mann schwerbehindert ist. Kann es eben doch.

Zur Ruhe kommen

Einiges ist bis heute ungeklärt, zum Beispiel an welchem Arbeitsplatz Hauschild letztendlich tätig sein wird. Und auch die Unfallversicherungsleistung des Arbeitgebers ist noch nicht abgeschlossen.

Tomas Hauschild arbeitet hart an sich. Er muss lernen, zur Ruhe zu kommen, das Erlebte zu verarbeiten. Aber man merkt ihm auch an, dass Spaß und Freude am Leben zurückkehren. Schritt für Schritt. Familie und Freunde helfen ihm dabei, Sport ist zur Pflicht geworden.

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