Schortens - Freundschaft überwindet Grenzen und überdauert Jahrzehnte – alles nur Phrasen? Im Fall des im Vorjahr im Alter von 81 Jahren verstorbenen Hans-Dieter Simonsen und des Franzosen Jean-Pierre Eudier stimmt das aber. Beide lernten sich vor 50 Jahren in Wilhelmshaven kennen, der Kontakt riss seitdem nie mehr ab – und jetzt schaute der mittlerweile in Brüssel lebende Eudier mit seiner Frau für einen Kurzbesuch bei Elona Simonsen vorbei, der Witwe des Mittel- und Langstrecklers Hans-Dieter Simonsen.
Zufallstreff im Stadtpark
1973 war der Student bei Gerhard Eickmeier zu Gast, von 1968 bis 1984 Oberstadtdirektor in Wilhelmshaven. In dieser Zeit hatte Eudier im Hallenbad einen Aushilfsjob und lernte beim Training im Stadtpark Hans-Dieter Simonsen kennen, der 1962 zusammen mit Hein Arians und Wilhelm Gänßler deutscher Marathonmeister geworden war.
Bereits im Folgejahr lud die Familie den Franzosen ein, für zwei bis drei Wochen zu Gast in Schortens zu sein. „Beide haben jeden Tag zusammen trainiert und auch gemeinsam an Wettkämpfen teilgenommen“, erinnert sich Elona Simonsen. Ebenso an weitere Besuche in den Folgejahren. „Der Kontakt ist eigentlich nie abgerissen und es ist eine echte Freundschaft entstanden, die sich auch in zahlreichen Briefen widerspiegelt.“
Der Name von Jean-Pierre Eudier ist aber nicht nur der Familie Simonsen ein Begriff, sondern auch in ganz Leichtathletik-Frankreich. Eudier ist Sieger des ersten Paris-Marathons am 18. September 1976. Seinerzeit gewann Eudier in 2:20:57 Stunden – und nicht nur wegen dieser Siegerzeit – der Kenianer Kelvin Kiptum stellte im Oktober in 2:00:35 Stunden in Chicago einen neuen Weltrekord auf – wirkt für den 77-Jährigen seine Paris-Premiere wie aus der Zeit gefallen. Eudier: „Wir sind unsere Schleifen eher heimlich im Bois de Boulogne gelaufen. Die Champs-Elysees haben wir nie passiert. Und von den 123 Finishern wird es kein Selfie im Ziel geben.“
Besondere Siegprämien
Und Laufen war damals alles andere als ein florierendes Geschäft. Deshalb muss der Franzose bei der Frage nach der Prämie für den historischen Sieg lachen. „Egal, ob sie es in Dollar, Euro oder Franken wissen wollen, es ist immer dasselbe: Null.“
EU-Dolmetscher
Immerhin: Ab und an wurde es für den begeisterten Läufer, der später berufsbedingt von Le Havre nach Brüssel zog, gleichzeitig lukrativ und skurril. Eudier: „Bei einem Rennen in der Normandie habe ich ein Schwein gewonnen. Später gab es auch einmal eine Waschmaschine.“
Weil sich von der Leichtathletik – und einem Schwein – aber nicht leben und eine siebenköpfige Familie ernähren ließ, verdiente der begeisterte Langläufer sein Geld 36 Jahre lang als Simultan-Dolmetscher bei der Europäischen Union. Womit auch die Frage geklärt ist, wie sich die Zufallsfreunde über die Jahre so perfekt Geschichten aus ihrer Laufvergangenheit erzählen konnten.
Seit 2011 ist Eudier pensioniert – regelmäßige Trainingsläufe schloss das in der Folge aber nicht aus. „Ich habe noch genug Benzin im Tank, um weiterzumachen.“
