Nordenham/Melbourne - Mir fehlen immer noch die Worte – und das kommt bei einem Journalisten zugegebenermaßen sehr selten vor. Angelique Kerber hat am Sonnabend in Melbourne Tennis-Geschichte geschrieben. Im Finale des ersten Grand-Slam-Turniers des Jahres, den wir hier in Australien wegen seiner tollen Atmosphäre den „Happy Slam“ nennen, hat die in Bremen geborene 28-Jährige in drei Sätzen gegen Serena Williams gewonnen. Ich fasse es noch immer nicht.
Es ist die aus deutscher Sicht größte Tennis-Sensation seit Boris Beckers erstem Wimbledon-Sieg im Jahr 1985. Damals waren Angie und ich, beide Jahrgang 1988, noch nicht einmal geboren.
In Melbourne hatte sie lange Zeit keiner so richtig auf dem Schirm gehabt. In Runde eins musste sie sogar einen Matchball abwehren. Dabei hatte Angie, die die Aussies liebevoll „Angel“ nennen, eigentlich eine gute Auslosung erwischt.
Als mehrere gesetzte Spielerinnen früh aus dem Turnier ausschieden, keimte in mir die Hoffnung, dass sie das Halbfinale erreichen könnte. Ich gebe zu, dieser Wunsch war nicht ganz uneigennützig: Da ich erst am sechsten Turniertag von Sydney nach Melbourne reisen konnte, hoffte ich, dass Angie und viele weitere Deutsche zu diesem Zeitpunkt noch im Rennen sein würden. Und auf die deutschen Tennis-Damen war Verlass: Mit Anna-Lena Friedsam, Annika Beck, Laura Siegemund und Angelique Kerber waren gleich vier Spielerinnen weiterhin im Einzel vertreten, als ich den Melbourne Park erreicht habe. Mit Julia Görges und Anna-Lena Grönefeld schafften es zwei weitere Deutsche im Doppel in die Vorschlussrunden.
Dass Angelique Kerber eher unauffällig Runde um Runde gewonnen hat, ist mir am Dienstag, nur vier Tage vor ihrem Triumph, besonders zugutegekommen. Auf den Trainingsplätzen herrscht normalerweise ein Riesenandrang. Gerade bei Trainingseinheiten von Roger Federer, Novak Djokovic, Serena Williams oder Maria Scharapowa stehen die Fans meist in Fünferreihen am Geländer, um einen Blick auf ihre Stars werfen zu können. Als Kerber einen Tag vor ihrer Viertelfinalpartie gegen Angstgegnerin Victoria Asarenka auf den abgelegenen Court 16 kommt, ist von diesem Andrang nichts zu spüren.
Ein paar deutsche Backpacker sind da, auch zwei, drei Tenniskenner schauen zu, wie sie sich mit Trainer Torben Beltz ein paar Bälle zuschlägt. Ich bin eigentlich kein großer Freund von Fan-Selfies – als Reporter verbietet sich das ohnehin meistens –, doch dies ist der richtige Zeitpunkt, um ein paar Worte mit Angie zu wechseln, ihr viel Glück zu wünschen und ein Foto mit ihr zu machen. Schließlich bin ich als Fan, nicht als Reporter hier. Es ist das einzige Bild, das ich bei diesem Turnier mit einem Profi mache. Und keiner ahnt zu diesem Zeitpunkt, welche unglaubliche Leistung die 28-Jährige noch in Melbourne vollbringen wird.
Victoria Asarenka schaltet sie überragend aus, dann auch ihre Halbfinalgegnerin Johanna Konta. Aber mit einem Sieg gegen Serena Williams rechnet keiner. Die US-Amerikanerin ist eine Art FC Bayern des Damen-Tennis: seit Jahren überlegen und eigentlich unbesiegbar.
Angie liefert ein taktisch und kämpferisch unglaubliches Match ab. Ich bin beim Endspiel schon wieder zurück in Sydney und schreie bei jedem wichtigen Punkt die Redaktion zusammen, in der ich das Match schaue. Angelique Kerber legt das Spiel ihres Lebens hin und gewinnt als erste Deutsche seit Steffi Graf 1999 ein Grand-Slam-Turnier.
Die australische Tageszeitung „The Age“ schreibt am Sonntag ziemlich treffend zum Kerber-Sieg: „Der neue Champion, den niemand hat kommen sehen.“ In der „Herald Sun Sunday“ heißt es: „Ein neuer Star ist geboren.“ Und ich habe ein Erinnerungsfoto mit ihr.
