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NWZonline.de Sport

Eine neue Waffe wird erprobt

22.10.2016

Oldenburg Friedrich Grade war erleichtert: „Heute ist der große Tag endlich da.“ Heute - das war der 14. September 1940. An jenem Sonnabend wurde U 96 auf der Bauwerft Fried. Krupp Germaniawerft A.G. in Kiel-Gaarden nach einjähriger Bauzeit in Dienst gestellt. Bis zu diesem Tag hatte der Leitende Ingenieur (LI) von U 96 den neuen Bootstyp nur in der Theorie kennengelernt. Das ganze Jahr 1940 über waren er und die Crew an diversen Orten in diversen Lehrgängen auf ihren jeweiligen Einsatz an Bord getrimmt worden. Lediglich der „Kaleun“, Kapitänleutnant Heinrich Lehmann-Willenbrock, und der Obersteuermann hatten Praxiserfahrung.

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Der „Alte“, als den ein Millionenpublikum den Kommandanten durch den Film „Das Boot“ später kennenlernen sollte, hatte seinen Obersteuermann von U 8, einem kleineren U-Boot des Typs II B, mitgebracht. Beide hatten den Atlantik bereits bei der Operation „Weserübung“ kennengelernt, beim Angriff auf Norwegen. In der ersten Ansprache als Kommandant von U 96 bezeichnet Lehmann-Willenbrock das Boot als „vollkommenes Werk technischer Kunst“. Der Bremer Kommandant und sein „LI“, der Oldenburger Friedrich Grade, teilen die Leidenschaft für Physik und Mathematik.

In den nächsten zweieinhalb Monaten werden Leidenschaft und Theorie dem Praxistraining in der Ostsee unterworfen. Unablässig wird die Crew von U 96 auf die Realität der Atlantikschlacht vorbereitet. Schon der Anfang misslingt, das Starten der E-Maschine beim ersten Ablegemanöver. „Man möchte sich verkriechen“, notiert Friedrich Grade in sein Tagebuch. Sogar der erste Tauchversuch gerät zum Desaster: „Das Boot will nicht unter Wasser“, schreibt der „LI“. Dann geht es aber doch und nun auch schnell.

U 96 –Das U-Boot im Querschnitt

Wochenlang schießt die Mannschaft bei Kälte und rauer See mit der 2- und 8-Zentimeter-Kanone, probt Geleitzugangriffe, zielt mit Torpedos auf Schiffsattrappen. U-Boote der VII C-Klasse sind vor allem für den Überwasserangriff mit bis zu 18 Knoten konstruiert. Unter Wasser liegt die vermeintliche Lebensversicherung des Bootes. Der Weg in die Tiefe führt über die Tiefensteueranlage. Über sie schreibt der Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock: „Der schwierigste, nur auf Übung und Erfahrungen aufzubauende Abschnitt ist die Beherrschung der Tiefensteueranlage, die in der Hand des Leitenden Ingenieurs liegt.“

Tauchmanöver auf Tauchmanöver muss der „LI“ Friedrich Grade darum mit U 96 bewerkstelligen. Dreißig Sekunden gelten als Norm, der „Leitende“ und seine Crew erreichen den Spitzenwert von 21 Sekunden. So schnell können 800 Tonnen Stahl mit einer Besatzung von in der Regel 45 Männern kopfüber in die Tiefe rauschen. Welche endlich ist für das Boot: Die Werksgarantie für den U-Boots-Typ VII C liegt bei 120 Metern, praxiserprobt sind im Frühherbst 1940 160 Meter. Die Lübecker Konstrukteure des Typs VII C haben die Zerstörung durch Wasserdruck bei 250 Metern errechnet.

In Buch und Film „Das Boot“ wird U 96 vor Gibraltar ungefähr diese Tiefe erreichen – eine eindrucksvolle Szene. Im Tagebuch von Friedrich Grade, Eintrag 30. November 41, zeigt sich jetzt, dass die tatsächliche Grundlegung des Bootes im Schatten der afrikanischen Küste völlig ungefährlich war von der Tiefe her.

Ende November 1940 ist die Erprobungsphase von U 96 beendet. Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock formuliert seinen Ausbildungsanspruch so: „Das Boot muß durch die Besatzung zu einem lebendigen Organismus geworden sein, bevor es frontreif ist.“ Ein letztes Mal vor dem Fronteinsatz besucht Friedrich Grade Anfang Dezember 1940 zusammen mit seiner Frau seine Eltern und Schwester in Oldenburg. Unter dem 3. Dezember 1940 notiert er: „Gestern war für mich Weihnachten. Um 19.30 geht das Telefon: Kiel. Vati nimmt die Meldung für mich ab: Morgen früh um 04.00 Uhr seeklar!“

Für anderthalb Jahre wird Friedrich Grade nun Augenzeuge der Atlantikschlacht – und mit ihm die Crew des Bootes, die aus allen Teilen des damaligen Reichsgebietes stammt. Das Gros der Mannschaft ist süddeutsch, fünf Männer sind Österreicher. Nur drei kommen aus dem Nordwesten, neben dem „LI“ aus Oldenburg sind das der Kommandant aus Bremen und der Funker aus Aurich. Die Atlantikschlacht kostet auf deutscher und alliierter Seite rund 100.000 Menschen das Leben. Auch 21 Männer von U 96, die im Laufe des Krieges auf andere Boote kommandiert werden, kommen um.

Die Eindrücke, die der Leutnant zur See und Kriegsmaler einer Propagandakompanie, Lothar-Günther Buchheim, zwischen dem 27. Oktober und 6. Dezember 1941 an Bord von U 96 sammelt, wurden in Buch und Film „Das Boot“ zur bestimmenden Nachkriegssicht über den U-Boot-Krieg. Dass neben ihm der Oldenburger Friedrich Grade seine Eindrücke zeitgleich niederschrieb, erfuhr Buchheim nie, obwohl sich beide Männer in den 1980er und 1990er Jahren mehrfach wiedersahen. Exklusiv veröffentlicht die NWZ anlässlich der 75. Wiederkehr von U 96 „Das Boot“ ab Donnerstag, 27. Oktober, das siebte Tagebuch von Friedrich Grade, Leitender Ingenieur (LI) von U 96.

Die Kriegsmarine ließ rund 600 U-Boote dieses Typs VII C bauen, und zwar an zwölf Standorten - darunter die Nordsee-Werke Emden, die Vulkan-Werft in Bremen-Vegesack und die Kriegsmarine-Werft Wilhelmshaven.

U 96 sollte das einzige U-Boot des Typs VII C der allerersten 90er-Baureihe bleiben, das seine Ausmusterung erlebte. Das schrottreife Boot wurde im März 1945 in Wilhelmshaven von Fliegerbomben zerstört. U 995 in Laboe ist heute das einzig erhaltene U-Boot der VII C-Typenklasse.

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