Bremerhaven - „Ihr könnt das Eis abtauen“, ist unter Fans ein beliebter Schmähruf in Richtung des Gegners, wenn der aus den Playoffs der Deutschen Eishockey Liga (DEL) ausgeschieden und die Saison damit für das Team beendet ist. In der Bremerhavener Eisarena wird das Eis dagegen noch viel länger benötigt, als viele erwartet hatten: Am Dienstagabend setzten sich Fischtown Pinguins Bremerhaven in der Playoff-Halbfinalserie mit 3:0 (0:0, 1:0, 2:0) gegen den nun entthronten Titelverteidiger EHC München durch, fuhren damit den in der Serie benötigten vierten Sieg ein (Gesamtstand 4:1) und stehen nun sensationell in der Finalserie um die deutsche Meisterschaft. Gegner sind ab dem 17. April die Eisbären Berlin oder die Straubing Tigers, die sich aktuell noch in der zweiten Halbfinalserie gegenüberstehen. Da die Bremerhavener um Trainer Thomas Popiesch die Hauptrunde als Meister abgeschlossen hatten, haben sie im ersten Finalspiel – auf noch hervorragend bespielbarem Eis – Heimrecht. Auch in der Finalserie sind vier Siege für den Gesamterfolg nötig.
Vor 4640 Zuschauern in der ausverkauften Eisarena erzielten Jan Urbas (29. Minute) und Philipp Bruggisser (51. und 58.) die Tore für die Gastgeber. Die Schlusssirene war unter dem Jubel der Fans kaum noch zu hören. In einer der populären Mannschaftssportarten hat ein Team aus Bremerhaven das Finale um die deutsche Meisterschaft erreicht. Das ist für viele aus der Stadt, die sonst für Probleme im Strukturwandel und hohe Arbeitslosigkeit steht, eine Art Statement: Wir können es doch.
Im ersten Drittel fielen zwar keine Tore, die Brisanz der Partie wurde aber an der Zahl der zerbrochenen Schläger deutlich: Zweimal ging einem Spieler das Arbeitsgerät im Eifer des Gefechts kaputt, so dass der Schiedsrichter bei der nächsten Unterbrechung die Einzelteile vom Eis aufsammeln musste. Die Stimmung der ausverkauften Halle war bestens, die Fischtown-Fans sehnten den ersten Finaleinzug ihres Teams herbei. Im zweiten Drittel überstanden die Münchner zunächst eine vierminütige Unterzahl, wobei die Bremerhavener sich zwischendurch in Führung wähnten. Der entsprechende Schuss war aber ans Außennetz geprallt. In der 29. Minute war der Puck dann aber richtig drin: Bremerhavens Kapitän Urbas schloss einen Alleingang mit einem platzierten Schuss ab – das Dach der Eisarena drohte ob des Jubels der Fischtown-Fans abzuheben.
Der Treffer lockte die zuvor keineswegs bedingungslos stürmenden Münchner aus der Reserve. Mit dem drohenden Playoff-Aus vor Augen machten die von Ex-Bundestrainer Toni Söderholm gecoachten Gäste nun mächtig Druck. Das bot den Bremerhavener immer wieder Platz für Konter, der zweite Treffer wollte aber bis zum Drittelende nicht mehr fallen. Im Schlussdrittel warfen sich die Popiesch-Schützlinge mehrfach aufopferungsvoll in die Schüsse der Münchner – der Finaleinzug rückte immer näher. Die Münchner, die Schätzungen zufolge einen Etat von 17 Millionen Euro haben und die damit über mehr als dreimal so viel Geld wie die Bremerhavener (etwas mehr als fünf Millionen Euro) verfügen, kassierten nun mehrere Strafzeiten, zeitweise spielten fünf Bremerhavener gegen drei Gästeakteure. Das nutzten die Gastgeber aus, Bruggisser traf zum 2:0. Als die Münchner eineinhalb Minuten vor Schluss den Torwart vom Eis nahmen und einen zusätzlichen Feldspieler aufs Eis brachten, besorgte Bruggisser mit einem Empty-Net-Goal die Entscheidung.
Wie hoch der Erfolg des Teams von der Wesermündung einzuschätzen ist, zeigt ein Blick auf die Halbfinal-Gesamtstatistik. In fünf Halbfinalduellen gegen München blieben die Pinguins zweimal ohne Gegentor (das erste Spiel am Ostermontag hatte 3:0 für Bremerhaven geendet) – das ist in Spielen gegen den deutschen Meister ein überragender Wert.
