ELSFLETH - Seit ein paar Tagen ist Frieden in Damaskus, sagt Fehim Sino. „Meine Eltern haben es mir am Telefon erzählt.“ Der 26-jährige junge Mann, der aus Syrien stammt, hat seine Eltern schon lange nicht mehr gesehen. Seit zwölf Jahren, um genau zu sein. Er lächelt verlegen. „Ich würde sie gerne bald einmal wiedersehen.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Ja, das würde ich wirklich gern.“ Fehim und seine beiden Brüder Fahid und Faik haben die Heimat und ihre Eltern verlassen, um in Deutschland ein besseres Leben zu führen. Heute führen sie zwei Feinkostläden in Elsfleth und Westerstede. Viele Elsflether und Westersteder kennen die höflichen syrischen Brüder, bei denen sie ihr Obst und Gemüse kaufen.

Am 5. Oktober 2000 kommt Fehim mit seinen beiden Brüdern Fahid und Faik nach Deutschland. Sie wollen arbeiten. „Zuhause haben wir fünf Euro am Tag verdient.“ Fehim möchte nichts trinken, nichts essen. Obwohl es ein Tischgespräch ist, lehnt er ab. Er gibt sich bescheiden – und ist es vermutlich auch. Das Elend ist weit weg. Er trägt ein weinrotes Poloshirt mit hochgestelltem Kragen unter dem eine silberne Kette hervorblitzt. Sein Bart ist auffallend akkurat gestutzt, seine dunklen Augen sind wach. Von einem Heim in Braunschweig kommen die drei Brüder nach Eckfleth. „Nicht Elsfleth. Eckfleth“, korrigiert sich Fehim. „Eckfleth hat Ähnlickheit mit unserem Dorf in Syrien. 25 Häuser stehen dort. Es gibt zwar keinen Krieg – aber auch keine Arbeit. Und wir wollten vernünftig leben, doch dafür brauchten wir Arbeit.“ In Elsfleth besucht Fehim ein halbes Jahr die Hauptschule. „Ich habe nichts verstanden“, gibt der junge Mann zu. Er belegt einen sechsmonatigen Deutsch-Kursus am BBZ in Brake, besucht danach die Hauswirtschafts-Schule.

In seiner Freizeit spielt er Fußball, wie damals in Syrien. Er ist ein guter Fußballer, ein sehr guter. Fehim schafft es, wovon viele Jungs in der Wesermarsch träumen. Vom TuS Elsfleth aus kommt er zum Vfb Oldenburg. Er ist Stammspieler in der A-Jugend, spielt in der Niedersachsenliga, kommt in die erste Herren. Der Aufstieg als Fußballer zeigt ihm: „Wenn man es will, kann man alles erreichen“, sagt Fehim. Der Trainer versichert ihm: „Du hast hier eine Chance.“ Doch seine Chance wird durch zwei Knie-Operationen zerstört. Der Miniskus. Kurz zuvor hatte Fehim wegen des Fußballs seine Ausbildungsstelle als Verkäufer verloren. Der junge Syrer, der Deutsch nur gebrochen spricht, steht wieder vor dem Nichts. Auch in Deutschland scheint das Glück nicht auf seiner Seite.

Ein Anruf seines älteren Bruders wendet das Blatt. „Ich habe einen Laden gefunden. In Westerstede“, sagte sein Bruder Fahid zu ihm am Telefon. 2009 eröffnen die drei Brüder Fahid, Faik und Fehim in der Fußgängerzone von Westerstede ihr erstes Lebensmittelgeschäft. Auf dem Großhandel in Bremen machte Fehim eine schicksalhafte Begegnung mit einem Elsflether. „Wir haben Cengiz zwei bis dreimal getroffen. Ihm gehörte ein Geschäft in Elsfleth.“ Drei Leute waren in dem kleinen Laden in Westerstede zu viel. „Wir konnten den Laden in Elsfleth übernehmen.“ Als Fehim den Laden in Elsfleth betritt, fällt es ihm wieder ein: Hier hat er vor vielen Jahren einmal eine Wassermelone und Erdbeeren gekauft.

Den Krieg in Syrien verfolgt Fehim nur über den Fernseher und Beschreibungen seiner Eltern. „Wir telefonieren jeden Tag“, sagt er nachdenklich, der wache Blick wirkt zugleich leer. „Aber ich glaube nichts, was ich nicht mit eigenen Augen gesehen habe.“ Wäre der verdammte Krieg nicht, dann hätte Fehim seine Eltern in diesem Jahr besucht. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren. Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr. „Ja, das wäre schön“, sagt Fehim, „das wäre richtig schön“.