Emden - Es fühlt sich echt an. Für einen Moment bleibt die Zeit in der ehemaligen Baracke stehen. Dann ergibt plötzlich alles einen Sinn. Der Ball ist im Netz. Die Augen glänzen. Die Knie sind kaputt, die Hüften auch. Aber die Gesichter strahlen. Sie erzählen eine längst auserzählt geglaubte Geschichte. Doch sie wurde in diesem Jahr neu geschrieben. Sie geht weiter.
Wenn alte Herren über ihre aktiven Fußballtage sprechen, dann schwelgen sie in schönen Erinnerungen. Doch es hat auch etwas Trauriges, denn die Zeit scheint vorbei. Aber das muss nicht so sein. Dass es auch anders geht, beweisen die Silberrücken der FT 03 Emden. Sie haben vor acht Monaten den Gehfußball nach Ostfriesland gebracht, um ihrer Leidenschaft trotz körperlicher Beschwerden wieder nachgehen zu können. Auch wenn sie anfangs belächelt worden sind, findet die in Emden völlig neue Sparte großen Anklang.
Seit der Gründungsphase im April 2023 hat sich viel getan. „Im harten Kern sind wir mittlerweile 23 Leute“, berichtet Christoph Kolodziej. Gemeinsam mit Richard Weber trainiert er die Silberrücken 03, deren Durchschnittsalter 60 Jahre beträgt. „Wir hatten einen großen Zulauf. Kaum einer ist nicht wieder gekommen.“ Während Kolodziej erzählt, füllen die Gehfußballer die ehemalige Baracke, die 1948/49 auf dem Vereinsgelände neu aufgebaut wurde, mit Leben.
Mit 73 Jahren am Ball
Dort treffen unterschiedlichste Charaktere aufeinander. Mit Joachim van Grieken ist ein ehemaliger Profi-Volleyballer mit von der Partie. Jörg Mose, der vor Trainingsbeginn den Ball gekonnt auf seinem Kopf balanciert, kickte während seiner aktiven Zeit in der Fußball-Oberliga. Mose ist in die Region gezogen und erst vor kurzem auf die Gehfußballer aufmerksam geworden. „Er hat ein künstliches Kniegelenk und seine Hüfte ist auch schon lädiert“, sagt Kolodziej beiläufig. Dieser Umstand scheint normal bei den Silberrücken. Mit 73 Jahren ist Alfred Schmidt der Älteste im Team. Er stand seit 35 Jahren nicht mehr auf dem Platz. „Wenn sich ein über 70-Jähriger wieder eine Stunde bewegt und sein Zauberfüßchen entdeckt, dann ist das etwas Großartiges“, findet Kolodziej. Die Beweggründe der Silberrücken sind dabei breit gefächert. Für die einen ist es der Geruch des nassen Rasens im Sommer, für die anderen das zurückgewonnene Kabinengefühl und Netzwerken in der 3. Halbzeit. Doch sie alle verbindet eine gemeinsame Leidenschaft. „Das ist der Zauber daran“, sagt Kolodziej.
Jogginghosen von 1970
Die Fortschritte der Gehfußballer sind dabei beeindruckend. „Tatsächlich hat es eine enorme Leistungssteigerung gegeben. Die Pässe kommen genau auf den Fuß und die Jungs haben auch einfach Lust“, sagt Kolodziej. Neuerdings treten die Gehfußballer auch äußerlich als eine Einheit auf. Mit der Ostfriesischen Volksbank wurde ein lokaler Sponsor gefunden. Die neuen Trikots sind auffällig. Das Logo der Silberrücken prangt auf der Brust, darunter der Hashtag „miteinander“. Der Zusammenhalt ist bei den Gehfußballern das große Credo. „Wir leben den Sport des Spielens wegen.“ Viel braucht es dazu nicht. Kolodziej erinnert sich gerne an die Anfangszeit der Sparte. „Die Leute sind in Straßenschuhen und Jogginghosen von 1970 zum Training gekommen. Wir haben einfach losgezockt.“
Seither wird vor jeder Trainingseinheit eine WhatsApp-Umfrage gestartet. „Aktiv dabei“, „passt nicht“ und „passiv dabei“ sind die Auswahlmöglichkeiten. „Die Leute, die passiv dabei sind, kommen dann zum Plaudern und zur 3. Halbzeit vorbei“, erklärt Kolodziej. Auch bei der letzten Trainingseinheit des Jahres sind die „Passiven“ anwesend. Nebeneinander aufgereiht sitzen sie auf einer Holzbank hinter dem Kleinfeldtor. Sie wirken glücklich. Damit sind sie nicht allein. Die Stimmung in der gesamten Halle ist ausgelassen. In Dreierteams treten die Gehfußballer auf dem nostalgischen Parkettboden gegeneinander an. Aber es fühlt sich nicht so an, als wären sie gegeneinander. Alle Tore, ganz egal auf welcher Seite sie fallen, werden anerkennend bejubelt.
Und für einen Moment steht die Zeit wieder still. Es fühlt sich echt an. „Hier wird der Fußball auf seine puren Elemente reduziert“, erklärt Kolodziej. Genaues Passspiel und souverän schießen, darum geht es. Eine Altersgrenze gibt es nicht. Alle Geschlechter sind willkommen. Nur wenig Equipment wird benötigt und die vom DFB vorgegebenen Regeln sind einfach.
Große Zukunftsvision
Die Silberrücken hoffen darauf, dass auch andere Vereine aus der Umgebung eine Gehfußball-Sparte gründen. „Der erste Emder Walking-Football-Cup wäre schon ziemlich cool“, sagt Kolodziej. Gegner aus der Region sind allerdings Mangelware. Dabei haben die Silberrücken ein großes Ziel vor Augen. „Wir möchten irgendwann unbedingt wettbewerbstauglich sein.“ Eine Anfrage gab es schon. Die Einladung von 1860 Bremen war allerdings zu kurzfristig, „wir waren da noch nicht spielbereit.“ Spätestens im Sommer sei der Spielbetrieb dann aber das Ziel. Bis dahin trainieren die Silberrücken weiter fleißig in der einstigen Baracke hinter der Tribüne an der Petkumer Straße in Emden. Ab dem 10. Januar rollt dort wieder der Ball, immer mittwochs ab 17.30 Uhr.
