Oldenburg - Die neunte Auflage der Weltumseglungs-Regatta Vendée Globe ist die spannendeste in der Geschichte des Wettbewerbs. Am Dienstagabend hatte der Franzose Charlie Dalin bis Les Sables d’Olonne noch etwa 400 Seemeilen zu absolvieren und lag rund 80 Seemeilen vor seinem ersten Verfolger Boris Herrmann. Hinter dem gebürtigen Oldenburger folgte auf Rang drei der Franzose Louis Burton (etwa 60 Seemeilen hinter Herrmann).
Möglicherweise wird die Reihenfolge der Ziellinien-Überquerung aber nicht identisch sein mit dem Endklassement. Denn mehrere Segler – darunter Herrmann – bekommen im Ziel Zeitgutschriften. Sie hatten Ende November südlich vom Kap der Guten Hoffnung ihren geplanten Kurs verlassen und sich an einer Rettungsaktion beteiligt, nachdem das Boot des Franzosen Kevin Escoffier zerbrochen war. Dieser wurde letztlich von seinem Landsmann Jean Le Cam an Bord genommen. Der derzeit achtplatzierte Le Cam bekommt nach der Zielankunft 16:15 Stunden gutgeschrieben, der Franzose Yannick Bestaven (aktuell auf Platz fünf) erhält 10:15 Stunden. Bei Herrmann werden nach Ankunft 6:00 Stunden abgezogen. „Am Mittwochabend“, so schätzte Herrmann am Dienstag, als er in nebligem Wetter über den Atlantik segelte, werde er wohl den Zielort erreichen.
Für den Fall, dass mehrere Segler nebeneinander mit großer Geschwindigkeit auf die Ziellinie zusteuern, wurde diese von der Regattaleitung nun verbreitert. Normalerweise beträgt der Abstand zwischen den beiden Bojen, zwischen denen die Boote durchsegeln müssen, 500 Meter. Damit es kein Gedränge geben kann, wurde diese Distanz nun auf 3,1 Kilometer vergrößert.
Wie eng die Entscheidung sein wird, verdeutlicht ein Vergleich mit einem 100-Meter-Rennen. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro siegte Usain Bolt (9,81 Sekunden) aus Jamaika mit acht Hundertstelsekunden Vorsprung vor Justin Gatlin (USA/9,89). Rechnet man den Vorsprung von acht Hundertstelsekunden über eine Distanz von 100 Metern auf die Strecke um, die die Vendée-Globe-Segler zurücklegen, nämlich 45 000 Kilometer, ergibt sich ein Vorsprung von zehn Stunden. So weit wird der Vendée-Globe-Sieger aber keineswegs vor dem Zweitplatzierten liegen – es geht also äußerst knapp zu.
Die Corona-Pandemie verhindert den sonst üblichen großen Bahnhof für die ankommenden Segler. Zuschauer werden keine vor Ort sein. Auch die Segler müssen sich möglicherweise etwas gedulden, ehe sie nach dem Passieren der Ziellinie (diese ist deutlich vor der Küste verortet) den Hafen von Les Sables d’Olonne anlaufen können. Denn dieser kann nur tidenabhängig angefahren werden. An diesem Mittwoch ist das nur bis 19.20 Uhr möglich, danach kann die Einfahrt erst wieder ab 0.20 Uhr in der Nacht zu Donnerstag geschehen.
