FRIESLAND - Es muss schon einen triftigen Grund geben. Zumindest braucht es eine schlüssige Erklärung, wenn 19 Frauen im Alter zwischen 40 und 70 Jahren ohne Murren eine 15-stündige Busreise antreten, ihr bequemes Bett freiwillig für eine Woche im Matratzenlager und das komfortable Bad gegen eine Gemeinschaftsdusche eintauschen. Die Lösung heißt Lausanne. Oder genauer: Die 14. Welt-Gymnaestrada in Lausanne. Sonntag beginnt sie. Und deshalb starten heute 19 Frauen aus dem Turnkreis Friesland in Richtung Genfer See. Begleitet werden sie von der Aussicht auf wenig Komfort, aber umso mehr Spaß. „Es ist wie eine Klassenfahrt für Große“, sagt Angelika Wiethölter vom TuS Glarum. Sie freue sich sehr auf das, was auf sie und die über 20000 weiteren Teilnehmer in der nächsten Woche zukommt.
Seit 1953 findet im Rhythmus von vier Jahren die Gymnaestrada des Weltgymnastikverbandes FIG statt. Bei der Premiere in Rotterdam nahmen 5000 Männer und Frauen teil. Im schweizerischen Lausanne, wo das Weltturnfest in diesem Jahr Station macht, rechnen die Organisatoren mit mehr als viermal so vielen. Die Teilnehmer reisen aus über 50 Nationen an und verwandeln die Stadt, die ungefähr die Größe von Oldenburg hat, bis zum 16. Juli in eine riesige Sportarena. Auf dutzenden Bühnen zeigen Gruppen aus aller Welt Aufführungen und laden unzählige Seminare dazu ein, mitzumachen. „Man muss sich das vorstellen wie eine Woche Feuerwerk der Turnkunst“, vergleicht Angelika Wiethölter die Gymnaestrada mit der populären Turnshow des Niedersächsischen Turnerbundes (NTB). Eine Woche bewegt sich das öffentliche Leben in Lausanne im Takt von Musik und im Rhythmus der Sportler.
Seit Anfang des Jahres üben sie deswegen regelmäßig in Friesland. Gemeinsam mit anderen Gruppen aus dem gesamten Gebiet des Westfälischen Turnerbundes und des NTB werden die Frauen vom TuS Glarum, TuS Sande und TV Bockhorn am Montag und Mittwoch bei der Gymnaestrada auftreten. Am vergangenen Sonntag fand dafür die zentrale Abschlussprobe in der Landesturnschule in Melle statt. „Bis auf das normale Chaos“ habe „alles gut geklappt“, sagt Doris Wilken, eine von insgesamt zehn Teilnehmerinnen aus Bockhorn. Das Schwierigste seien die Übergänge, wenn Hunderte zeitgleich einen neuen Platz einnehmen.
In Melle haben sie dabei wenigstens eine Sprache gesprochen. Komplizierter wird es in Lausanne bei der großen Abschlussveranstaltung in einer Woche. Dann gilt es, die einzelnen Bestandteile, die weltweit einstudiert wurden, möglichst fehlerfrei vor zehntausenden Zuschauern im Stadion wieder zu einem großen Ganzen zu verbinden. Darauf haben die Bockhorner Turnerinnen in diesem Jahr verzichtet. Sie werden nicht aktiv an der großen Schau teilnehmen. Einer der schönsten Momente, auf den sich Doris Wilken freut, ist der Moment, wenn die Teilnehmer bei der Eröffnungsfeier ins Stadion einmarschieren. Wie bei den Olympischen Spielen auch, werden zum Auftakt alle Nationen einzeln vorgestellt. „Da kriege ich jetzt schon eine Gänsehaut“, sagt sie.
