Friesoythe - Ein Hauch von Gold weht durch das St.-Marien-Krankenhaus in Friesoythe: Der iranische Gewichtheber und amtierende Olympiasieger sowie Weltmeister Sohrab Moradi ist hier. Er hat sich eine Schulterverletzung im Training zugezogen und wird von Dr. Babak Shojaie behandelt.
Shojaie ist Facharzt für Orthopädie und hat eine spezielle Ausbildung für Behandlungen an Armen und Schultern. Moradis Physiotherapeut Hossein Abrun hat sich deswegen nach der Schulterverletzung an ihn gewandt und nach einer Behandlung gefragt: „Sohrab Moradi ist zum ersten Mal bei mir, bei einem Profisportler ist es ganz wichtig, dass ein Team von Ärzten und Physiotherapeuten gut zusammenarbeitet“, betont Shojaie. Moradi ist der zweite Profisportler, den er behandelt. Zuvor hatte Shojaie sich bereits um eine Handverletzung eines Fußballtorwarts im Iran gekümmert.
Der 31-jährige Gewichtheber wird jedoch nicht zum ersten Mal in Deutschland behandelt. „Vor sechs Monaten war ich bei einem Arzt in Hannover und wurde damals von deutschen Gewichthebern am Flughafen sehr freundlich empfangen“, berichtet Moradi. Auch diesmal gab es keine Probleme während der Reise.
Dass der Gewichtheber solche langen Flüge auf sich nimmt, liegt auch an der weltpolitischen Situation. Aufgrund des Handels-Embargos der USA gegenüber dem Iran werden auch viele Medikamente und Geräte nicht mehr dorthin geliefert. „Durch das Embargo ist dort keine gute medizinische Versorgung mehr möglich. Viele der Medikamente und Geräte, die auch in Europa verwendet werden, kommen von amerikanischen Firmen“, erklärt Bernd Wessels, Geschäftsführer des St.-Marien-Hospitals. Shojaie, der selber auch häufig im Iran ist, hat also in Teheran gar nicht die Behandlungsmöglichkeiten, die hier in Friesoythe vorhanden sind.
Moradi wurde in der iranischen Stadt Sedeh Lenjan, knapp 500 Kilometer südlich der Hauptstadt Teheran, wo er heute lebt, geboren. Seine größten sportlichen Erfolge waren der Olympiasieg 2016 im Gewichtheben und die Weltmeistertitel 2017 und 2018. Im vergangenen Jahr stellte er einen neuen Weltrekord auf, als er eine 186-Kilogramm-Hantel in die Höhe stemmte. Zudem wurde er 2009 und 2012 Asienmeister.
„Ich habe mit zehn Jahren mit dem Gewichtheben begonnen. Mein großer Bruder war auch Gewichtheber, die Sportart hat mir gut gefallen“, sagt Moradi. Sein Talent fiel schnell auf und er wurde von einem Trainer für den Nationalmannschafts-Kader ausgesucht und gefördert. Im Alter von zehn bis 15 Jahren setzte er sich in seiner Altersklasse durchweg gegen seine Kontrahenten durch und wurde iranischer Meister.
Sein nächstes Ziel ist die Teilnahme an den olympischen Spielen im kommenden Jahr in Tokio. Seinen Startplatz hat er dort schon sicher. Nun liegt es auch an Shojaie und dem Team des St.-Marien-Krankenhauses, dass Moradi dann wieder in Bestform ist. Wie lange er hier ist, hängt nun von der Diagnose ab. Falls es ihm dann in Tokio gelingt, seine Goldmedaille zu verteidigen, liegt ein Teil des Erfolgsgeheimnisses auch in Friesoythe.
