Weser-Ems - Schiedsrichter, die verfolgt und geschlagen werden, Fußballspieler und -spielerinnen, die sich gegenseitig anbrüllen, pöbelnde Zuschauer am Rande des Fußballfeldes. Das neunte Lagebild des Amateurfußballs in Deutschland, kürzlich vom Deutschen Fußballbund (DFB) veröffentlicht, zeichnet kein blumiges Bild von König Fußball abseits der großen Arenen. Seit der Saison 2014/15 lässt der DFB auf Grundlage der Spielberichte der Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen jährlich ermitteln, wie es mit Blick auf Gewalt und Diskriminierung um die Lage des Amateurfußballs in Deutschland bestellt ist. Rund 53.000 Unparteiische sowie 21 Landesverbände tragen zu der Erhebung bei.
„Das Lagebild hat sich zu einem wichtigen Indikator für die Stimmung auf den Plätzen entwickelt. Es ermöglicht einen Überblick jenseits der Einzelfälle und Sachlichkeit statt verständlicher Emotionen“, sagt Ronny Zimmermann, 1. DFB-Vizepräsident, als Repräsentant des Amateurfußballs und des Schiedsrichterwesens. „Jenseits aller Statistiken müssen wir zunächst festhalten, dass in der zurückliegenden Saison ein Mensch sein Leben verloren hat. Das muss endgültig ein Warnsignal für alle im Fußball sein, gleichgültig welche Rolle man im Sport einnimmt, ob Trainer, Betreuer, Spieler, Zuschauer oder Funktionär“.
Juniorenspieler stirbt nach Gewaltattacke bei Jugendturnier
Der Tod eines 15-jährigen Berliner Jungen hatte im Mai Fußball-Deutschland schockiert. Der Juniorenspieler des JFC Berlin war bei einem internationalen Jugendturnier in Frankfurt attackiert worden und im Krankenhaus seinen Hirnverletzungen erlegen. Tatverdächtig ist ein 16-jähriger französischer Fußballer des FC Metz.
In der Saison 2022/23 seien in Deutschland 961 Fußballspiele wegen eines Gewalt- oder Diskriminierungsvorfalls abgebrochen worden. Damit läge die Zahl der Spielabbrüche weiterhin auf einem erhöhten Niveau, heißt es vonseiten des DFB. Allein in den Altersstufen der D- und F-Junioren sei es zu 126 Spielabbrüchen gekommen. Mit einer Spielabbruchquote von 0,08 Prozent liegt der Wert genauso hoch wie in der Saison 2021/22, als weniger Spiele ausgetragen wurden. Während der Saison 2021/22 waren 911 Spiele abgebrochen worden. In den Saisons vor der Pandemie waren es mit 672 (Saison 2016/17) und 667 Spielabbrüchen (2017/18) deutlich weniger.
6224 Vorkommnisse von den Schiedsrichtern gemeldet
Auf den Amateurplätzen wurden in der vergangenen Saison 6224 Vorkommnissen registriert. Das entspricht 0,5 Prozent aller Spiele mit einem abgeschlossenen Spielbericht. Davon wurden 3907 Gewalt- und 2679 Diskriminierungsvorfälle notiert. Bei 4116 Spielen wurde ein Fußballer als Beschuldigter gemeldet, bei 1191 Partien ein Betreuer und bei 2200 Spielen ein Zuschauer.
Dennis Hohmann ist Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses im Fußballkreis Jade-Weser-Hunte und auch er findet die Zahlen alarmierend. Dennoch gibt er sich zurückhaltend zufrieden: „Bis jetzt hat sich die Gewalt im Kreis auf verbale Androhungen konzentriert. Die maximale körperliche Gewalt war ein Schubsen gegen die Schulter“, beschreibt er die Situation im Bereich Weser-Ems. Er mahnt aber auch: „Damit will ich nicht sagen, dass es hier nicht so weit kommen könnte.“ Was er allerdings immer wieder feststellt ist, dass die 22 Leute auf dem Platz in der Regel nur Fußball spielen wollen und Unruhe ganz häufig erst von außen rein gebracht wird - sei es von der Bank oder von den Zuschauerrängen. Das haben auch die Entscheidungsträger vom DFB gemerkt und es ab der Fußballsaison 2024/25 zur Vorgabe gemacht, auch die Vereinsvertreter neben dem Platz konsequenter zu bestrafen. „Teilweise ist ja allein die Ansprache an den Schiedsrichter schon eine Beleidigung“, sagt Hohmann.
„Die Bundesliga muss das vorleben“
Der Vareler fordert in diesem Zusammenhang, dass ganz Fußball-Deutschland an einem Strang ziehen muss: „Das muss von den Profis bis runter zu den Amateuren funktionieren, die Bundesliga muss das vorleben.“ Eine Aktion gegen Gewalt im Fußball aus dem Kreis Osnabrück ist Dennis Hohmann positiv im Gedächtnis geblieben: „Da haben die Schiedsrichter die Mannschaften begrüßt, haben dann aber nicht angepfiffen, sondern sind für zwölf Minuten zurück in die Kabine gegangen“, erzählt er. Die Mannschaften standen ziemlich verdutzt und ohne Unparteiische auf dem Platz. „So sieht die Zukunft nämlich aus, wenn sich nichts ändert. Es gibt irgendwann keine Schiris mehr. Ich habe den Osnabrücker Kollegen zu dieser Aktion gratuliert“, sagt Hohmann.
Der 4. Amateurfußball-Kongress vom 22. bis 24. September nimmt sich der speziellen Thematik latenter Respektlosigkeiten bis hin zu Gewaltvorfällen gegenüber den Unparteiischen an. Im „Jahr der Schiris“, das der DFB für 2023 ausgerufen hat, soll es unter anderem darum gehen, wie eine Wertschätzungskultur aufgebaut werden kann und durch welche Maßnahmen Amateurvereine die Schiedsrichter noch stärker in die Fußballfamilie einbinden können.
