Harkebrügge - Die Anti-Atomkraft-Bewegung kann von der für diesen Samstag geplanten Abschaltung der letzten AKW in Deutschland nur träumen, ein Mann in Frauen-Klamotten sorgt noch für Aufsehen, und die Fußballer des Hamburger SV sind nicht nur Deutscher Meister, sondern zudem die Nummer eins in Europa – was wie aus einem anderen Jahrhundert klingt, ist streng genommen sogar aus einem anderen Jahrtausend. 1983 sind Demonstrationen gegen die zivile Nutzung der Kernenergie ebenso wie gegen Atomwaffen weit verbreitet, der Film „Tootsie“ mit dem als Frau verkleideten Dustin Hoffman wird zum Kinokassen-Schlager, und der HSV gewinnt den Champions League-Vorläufer „Europapokal der Landesmeister“ durch einen 1:0-Finalerfolg in Athen gegen Juventus Turin sowie erneut den Bundesliga-Titel. Aber auch beim „kleiner HSV“ genannten SV Harkebrügge denkt man gerne an 1983 zurück, besonders in diesem Jahr. Kann der Verein aus der Gemeinde Barßel im Landkreis Cloppenburg doch 2023 feiern, vor 40 Jahren nach einer tollen Fußball-Saison Kreisklassenmeister geworden zu sein. Umso besser passt es, dass die Harkebrügger im Juni auch noch einen aktuellen Grund zum Feiern liefern könnten, stehen sie doch im Finale des Kreispokals, den sie noch nie gewonnen haben. An beiden Ereignissen beteiligt: der Ur-Harkebrügger und Fußball-Enthusiast Uwe Villwock.
Alle Spieler aus dem Dorf
Der 64-Jährige ist Trainer des Harkebrügger Kreisliga-Teams, das am Osterwochenende das Pokal-Endspiel erreicht hat, und war 1983 Spieler der Mannschaft, die mit 58:6-Punkten souverän Meister wurde, in die Kreisliga aufstieg und von dort 1984 auch noch den Sprung in die Bezirksklasse schaffte. „Das war schon eine tolle Truppe, wir kamen ja alle hier aus dem Dorf. Vier, fünf Spieler gehörten sogar ein und demselben Jahrgang an“, erinnert sich Villwock an das Team der Trainer Jürgen Richter und Günther Ludmann. „Das Gemeinschaftsgefühl war stark, man saß nach jedem Spiel – egal, ob zu Hause oder auswärts – noch anschließend lange im Vereinsheim zusammen. Da waren wir als Mannschaft keine Ausnahme.“ Nur mit „eigenen Leuten“ in der 1. Kreisklasse oder höher zu bestehen, sei heute kaum noch möglich. „Heute braucht man Leute von außen. Das sind auch gute Jungs, keine Frage, aber nach dem Spiel sind sie schnell in alle Winde zerstreut. Das kann ich natürlich nachvollziehen, weil viele aus Oldenburg und Umgebung kommen und dann noch andere Termine zu Hause haben.“
Die Meister-Mannschaft des SV Harkebrügge aus dem Jahr 1983 (hinten, von links): Andreas Osterhues, Aloys Beelmann, Werner Osterhues, Helmerich Sassen, Wilfried Lammers, Paul Wienhold, Uwe Villwock und Heinz Osterhues sowie (vorne, von links) Ludger Meiners, Artur Mödden, Paul Meyer, Peter Löhmann und Heinrich Block
Das kann man von den Spielern der 83er-Mannschaft bis heute nicht behaupten. „Klar, der eine oder andere ist irgendwann weggezogen, etwa in den Kölner Raum, aber viele leben wie ich weiterhin in Harkebrügge und Umgebung. Man sieht sich bei den Spielen des ersten Teams oder bei den Alten Altherren des Vereins. Aber ein damaliger Spieler ist leider auch schon verstorben“, berichtet Villwock, der schätzt, noch etwa eine Handvoll Harkebrügger im aktuellen Kader zu haben.
Stück Heimat
Für Villwock ist der „kleine HSV“ auch ein Stück Heimat: „Ich habe von der Jugend an in Harkebrügge Fußball gespielt und bin schon in jungen Jahren Spielertrainer geworden“, erzählt der Coach, der eigentlich schon im Ruhestand ist, aber noch zwei Tage die Woche zur Arbeit geht. Vor fünf Jahren holte ihn der Sportliche Leiter Werner Schulte zurück auf die Bank des „kleinen HSV“, nachdem Villwock zwischenzeitlich lange den FC Scheps und kurz Hansa Friesoythe trainiert hatte. „Der SV Harkebrügge wird immer mein Verein sein“, sagt Villwock, der für den Club auch schon Chroniken erstellt hat. Nur allzu gerne würde er in der nächsten Chronik über 2023 als das Jahr schreiben, in dem der „kleine HSV“ besonders groß gefeiert hat: die Meister-Mannschaft von 1983 und den ersten Kreispokalsieg in der Vereinsgeschichte. Doch das ist für Villwock noch lange nicht ausgemacht: „Im Finale gegen den SV Evenkamp sehe ich keinen Favoriten. Wir sind zwar das klassenhöhere Team, aber der Gegner hat Heimrecht, und wie stark die Topteams der 1. Kreisklasse sind, haben wir im Halbfinale gegen den SV Bevern II gemerkt.“
Heiß auf das Finale ist man in Harkebrügge aber jetzt schon, vor allem, weil der „kleine HSV“ bereits dreimal, zuletzt 2018 überraschend gegen die Sportfreunde Sevelten, im Halbfinale des Wettbewerbs gescheitert ist. Vielleicht klappt es ja diesmal mit dem Pokalsieg – und die aktuelle Harkebrügger Mannschaft erinnert sich 2063 in dem Zusammenhang an eine Zeit, in der Bayern München noch das beste deutsche Fußball-Team gewesen ist, im Kino ständig irgendwelche Superhelden durch die Luft geflogen und die Menschen in Autos mit Verbrennungs-Motoren durch die Gegend gefahren sind...
