Jever - Die Idee war spontan. So richtig spontan, ich habe mich erst eine Stunde vor dem Termin dazu entschlossen, selbst mitzumachen. Deshalb war auch keine Zeit mehr, einen Fotografen zu bestellen, es existiert also kein Beweisfoto meines Einsatzes. Das macht aber auch nichts, denn ich hatte schon eine mächtig rote Birne, als die Trainingszeit vorbei war. Aber dazu später mehr.
Trainer mit Erfahrung
Der Ort des Geschehens war das Fußballgelände an der Jahnstraße, mein Gastgeber der FSV Jever. Genauer gesagt die Mannschaft, die ihr erstes offizielles Training im Geh-Fußball absolvierte. Sechs Herren zwischen Ende 50 und Mitte 70, drei Vorstandsmitglieder des FSV und ich begeben uns aufs Kleinfeld und gehen uns warm. Dreimal das Feld rauf und wieder runter, ein bisschen schneller werden, das muss reichen. Im großen Kreis werden ein paar Dehnübungen gemacht, Übungsleiter Bernhard Heydemann gibt im Wechsel mit Sportwart Dave Ekhoff vor, was geturnt werden soll. Heydemann hat schon Erfahrungen in Sachen Geh-Fußball, er war im vergangenen Jahr bereits in Neuenburg bei der Gründung einer Mannschaft dabei. Für den Jeveraner sind die Wege zum FSV allerdings deutlich kürzer, so will er sein Glück also auch hier versuchen. Da demnächst aber eine Operation ansteht und er für eine Weile ausfallen wird, hat er Ekhoff verpflichtet, das Training in der Zeit zu leiten.
Die Mannschaftsaufteilung erweist sich als denkbar einfach: Wer am nächsten am Vereinsvorsitzenden Malte Hafenstein steht, bekommt ein Leibchen. Die hat der Chef nämlich gerade noch schnell geholt.
Nette Frotzeleien
„Wie sind eigentlich die Regeln?“, fragte ich Dave Ekhoff noch schnell. Nicht rennen, kein Torwart, kein Abseits, nicht über Hüfthöhe schießen, keine Manndeckung, kein Körperkontakt und nicht den Strafraum betreten – das sollte ich hinbekommen. Fußballerische Vorerfahrung habe ich nur vom Spielfeldrand und aus dem Fernsehen. Das muss reichen, und das tut es auch. Mich freut auch, dass die Sache mit dem Gehen weitaus weniger albern ist, als ich zunächst befürchtet hatte. Vom olympischen Gehen mit den wackelnden Hüften ist diese Sportart meilenweit entfernt, und eigentlich ist es sogar sehr angenehm, nicht ständig rennen zu müssen. Joggen war nämlich noch nie mein Sport... Stattdessen kann ich je nach Situation mehr oder minder zügig meiner Wege auf dem Feld gehen, werde nicht angerempelt und kann mir nebenbei schmunzelnd die Frotzeleien der anderen anhören. Die Stimmung ist wirklich nett und das Lob, als ich ein Tor erziele, macht mich direkt ein bisschen stolz. Dass meine Mitspieler mitunter zwei neue Kniegelenke haben und kurz vor einer Hüft-OP stehen, dass einige einen deutlich größeren Körperumfang haben als ich oder dass sie auf einem Auge stark sehbehindert sind, das fällt im Spielverlauf kein bisschen auf.
Geschafft, aber nicht K.o.
Als das letzte Tor über Sieg und Niederlage entscheidet, bin ich auch ein bisschen froh, dass jetzt Schluss ist. Mein Gesicht leuchtet rot, mir ist trotz des kalten Windes warm und etwas schneller atmen muss ich auch. Trotzdem bin ich nicht fix und fertig nach dieser Trainingseinheit. Alle laden mich ein, beim nächsten Mal wiederzukommen und ein klein wenig juckt es mich tatsächlich in den Füßen. Allerdings ist 18 Uhr die Zeit, zu der bei uns die Abendroutine mit den Kindern beginnt. Da macht auch der Donnerstag keine Ausnahme. Allen, die aber keine Brote schmieren und Gute-Nacht-Geschichten vorlesen müssen, kann ich wirklich empfehlen, den Geh-Fußball einmal auszuprobieren. Grenzen gibt es nicht. Um es in den Worten eines Teilnehmers zu sagen: „Wir sind Alte, Dicke, Kranke – und das ist gut so.“
