Nach dem tödlichen Sturz einer Offiziersanwärterin und einer angeblichen Meuterei ist die Gorch Fock ins Gerede gekommen. Die Vorfälle müssen aufgeklärt werden, sagt Pasche.
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FRAGE:
Wie haben Sie damals den Alltag an Bord des Segelschulschiffes erlebt?
PASCHE
: Zunächst lagen wir in Kiel an der Pier und haben dort jeden Handgriff geübt, der an Bord zu erledigen ist. Ich musste damals an den Masten ganz nach oben klettern. Das hat mir aber als gelernter Maurer nichts ausgemacht. Es wurde trainiert, trainiert und trainiert, bis es nach 14 Tagen hieß „Leinen los“ und wir in See stachen. Da konnten wir aber auch alles, was man für die Fahrt brauchte.
FRAGE:
Gab es Druck auf die Mannschaft, zum Beispiel in die bis zu 45 Meter hohen Masten zu klettern?
PASCHE
: Nein, das war freiwillig. Es wurde niemand gezwungen. Und es gab genau so viele wichtige Arbeiten unten an Deck zu erledigen.
FRAGE:
Wie ist man gesichert, wenn man in die Masten klettert?
PASCHE
: Heute haben die Leute einen speziellen Gurt um mit einem Karabinerhaken, mit dem man sich in Sicherungsleinen einhaken kann, während man auf speziellen an der Rah befestigten Tauen steht. Wir hatten damals statt des Gurts ein einfaches Seil mit Karabinerhaken um den Bauch.
FRAGE:
Haben Sie in Ihrer Zeit auf der Gorch Fock einmal einen Unfall miterlebt?
PASCHE
: Nein, meine Fahrt verlief damals ohne Zwischenfälle.
FRAGE:
Wie bewerten Sie die aktuelle Diskussion um die Zustände auf dem Schiff?
PASCHE
: Was soll ich dazu sagen – das ist für mich inzwischen sehr weit weg. Zudem sind die Informationen über die Vorfälle an Bord zum Teil sehr widersprüchlich. Die Welt ist anders geworden in den vergangenen 50 Jahren. Für mich spielte die Segelschifffahrt in meinem Leben immer eine ganz wichtige Rolle. Zudem verbinde ich mit der Gorch Fock ein ganz besonderes persönliches Erlebnis: Als wir damals mit dem Schiff in Wilhelmshaven waren, habe ich beim Landgang meine spätere Frau kennen gelernt.
FRAGE:
Wie haben Sie die Ausbildung an Bord in Erinnerung?
PASCHE
: Sie war sehr konsequent. Es gab aber keine Schikanen. Alle Offiziers- und Unteroffiziersanwärter hatten ein Ziel und haben ihr Programm durchgezogen. Wer mitmachen und etwas werden wollte, musste sich aber natürlich der Ordnung beugen – bei 260 Leuten an Bord geht das nicht anders. Unsere Ausbilder waren sehr erfahren und qualifiziert.
FRAGE:
Haben Sie eine Vermutung, warum Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg den Gorch-Fock-Kommandanten Norbert Schatz von seinem Amt vorerst entbunden hat?
PASCHE
: Auch das ist schwer für mich zu beurteilen. Vermutlich geht es um den Umgang mit dem tragischen Tod der Offiziersanwärterin, die voriges Jahr bei einem Sturz vom Mast ums Leben gekommen ist. Die Frage ist ja, wie dem Vorfall an Bord Rechnung getragen wurde.
FRAGE:
Hätten Sie Verständnis für eine Stilllegung der Gorch Fock?
PASCHE
: Das wäre nicht der richtige Weg. Das Schiff ist ein Aushängeschild für Deutschland. Wenn die Gorch Fock in einen Hafen einläuft, ist das überall auf der Welt etwas Besonderes. Die Vorfälle um den Tod der jungen Frau und die angebliche Meuterei, die sich danach ereignet haben soll, müssen aber unbedingt aufgeklärt und aufgearbeitet werden. Das gehört zum guten Ton.
Jürgen Pasche
(72) ist seit 25 Jahren Vorsitzender der Marinekameradschaft Horumersiel. 31 Jahre lang war er Polizist im Sielort. Von April bis Juli 1960 war er als Unteroffiziersanwärter an Bord des Segelschulschiffs „Gorch Fock“.