Ofenerdiek - Eigentlich hat er Söhne haben wollen. Mit denen hätte er eine Modelleisenbahn quer durch das heimische Wohnzimmer gesteuert, hätte Loks und Waggons zusammengebastelt und sich den Traum einer schienenvernetzten Miniaturwelt erfüllt. Aber dann hat Rüdiger Gehrmann zwei Töchter bekommen. Und das ist gut so. Denn so ist der heute 69-Jährige auf eine andere Schiene gekommen und den Schiffsmodellbauern an Bord gegangen. „Die Seefahrt hat mich schon immer fasziniert“, sagt der Ruheständler. Als kleiner Junge habe er den großen Schiffen an der Schleuse hinterhergewinkt, sogar die Andrea Doria hat er einmal gesehen. Ohne zu wissen, dass der italienische Luxusliner bald darauf versinken würde.
Viel später, in den 80er Jahren, hat der Familienvater dann die Miniaturflotten entdeckt. Weil er kein einsam tüftelnder Seebär werden wollte, ist Rüdiger Gehrmann Mitglied im Schiffsmodellbau Club Oldenburg (SMCO) geworden. Seit 27 Jahren ist er der Vorsitzende. Im Heimathafen wartet er elf Modelle. Alle – vom Segelschiff, übers Motorboot bis zum Frachter – hat er selbst zusammen gebaut.
400 bis 600 Stunden dauert es, bis sich die Bausätze in schwimmende Kunstwerke verwandelt haben. „Für Containerschiffe nach Werftvorlage habe ich 5000 Stunden gebraucht. Das sind Jahre. Verrückt“, sagt Rüdiger Gehrmann und lacht.
Jeden Sonntag dürfen die mühevoll konstruierten Modelle auslaufen: in der Saison lässt der Verein die ferngesteuerten Unikate am Swarte-Moor-See zu Wasser. „Manchmal kommen Kinder vorbei und fragen, wo man sowas kaufen kann“, sagt der Vorsitzende seufzend. „So viel Arbeit macht sich heute keiner mehr. Nur noch Rentner. Die haben Zeit.“ Der Schiffsmodellbau Club hat Nachwuchssorgen, die 43 Mitglieder versinken jedoch nicht in Verzweiflung.
Im weltweiten Netz hat Manfred Kirchhoff Gleichgesinnte geangelt: einen Verein aus der Schweiz mit gleichem Namen – SMCO. Der Schiffsmodellbau Club Olten wurde kontaktiert und besuchte die Oldenburger noch im gleichen Jahr. An diesem Sonntag wurde das erfolgreiche Manöver wiederholt. „Ein ganz besonderer Tag“, sagt Rüdiger Gehrmann und schwärmt von den tollen Modellen der Namensvettern. „Das erwartet man gar nicht, aber die Schweizer sind richtig gut im Schiffebauen – auch ohne Meer und Häfen weit und breit.“ Auch Eins-zu-Eins-Varianten – echte Kreuzfahrtflotten – würden die Alpenbewohner grandios herstellen. Wie gut die im Wasser liegen, haben die fünf Gäste bei ihrem Oldenburgbesuch gleich überprüft: Eine Fahrt zur Meyerwerft gehörte zum obligatorischen Programm, bevor am Sonntag gemeinsam Wiedersehen gefeiert wurde.
Fasziniert war Rüdiger Gehrmann von den U-Booten der Schweizer Freunde. „Da macht das auch mehr Sinn – bei uns im Moor-See ist es viel zu trüb für die abtauchfähigen Modelle, die würde man schnell aus den Augen verlieren.“ Die klaren Bergseen hingegen seien prädestiniert für die Unterwasser-Schiffe. Fast ein bisschen neidisch ist der Vereinsvorsitzende auf den Titel seines Schweizer Pendants: den Präsidenten. Der wiederum wünscht sich die gleiche Nähe zur See, wie die Oldenburger sie haben. Den Norden wollen die Namensvettern auch im nächsten Jahr wieder ansteuern. Der nächste Törn ist schon in Planung.
Die Oldenburger Crew plant derweil Aktionen im Heimathafen: Ein Schaufahren am Swarte-Moor-See ist am 7. August von 10 bis 17 Uhr geplant. Rüdiger Gehrmann ist inzwischen Großvater, von der Schiene mit der Modelleisenbahn ist er längst abgekommen.
Seine Töchter tauchen samt Enkel gerne am Swarte-Moor-Meer auf.
