Breslau - Torhüter Carsten Lichtlein setzte völlig losgelöst zu einem Siegeslauf durch die altehrwürdige Jahrhunderthalle an, Bundestrainer Dagur Sigurdsson hüpfte an der Seitenlinie freudestrahlend auf und ab: Nach einem weiteren Krimi haben die furios aufspielenden deutschen Handballer bei der EM in Polen den Einzug ins Halbfinale vor Augen, ihren Emotionen ließen sie nach dem 30:29 (17:16)-Erfolg gegen Russland freien Lauf.
„Das war ein unglaubliches Gefühl beim Abpfiff. Wir sind einfach nur ausgerastet. Als ich gesehen habe, dass der isländische Eisblock auch so jubelt, gab’s kein Halten mehr“, sagte der starke Lichtlein über die Sekunden nach dem nervenaufreibenden Spiel.
Sigurdsson musste nach den dramatischen Schlusssekunden erst einmal tief durchatmen. „Das war eine Schlacht. Kompliment an die Jungs. Wir haben es über die Bühne gebracht. Unglaublich“, sagte der Isländer nach dem vierten Sieg in Folge.
Die jüngste aller 16 EM-Mannschaften darf sich nun auf ein „Endspiel ums Halbfinale“ am Mittwoch (18.15 Uhr/ARD) gegen Dänemark freuen, das sich am Sonntag mit 27:23 (11:14) gegen Spanien durchsetzte. Der Einsatz von Kapitän Steffen Weinhold (Oberschenkel) und Christian Dissinger (Hüfte) ist aufgrund von Blessuren jedoch fraglich. „Es sieht schlecht aus“, sagte Sigurdsson und kündigte die Nachnominierung von Kai Häfner (TSV Hannover-Burgdorf) und Julius Kühn (VfL Gummersbach) an.
Bester Werfer in der mit 14 EM-Debütanten angetretenen Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) gegen die Russen war der Kieler Dissinger mit sieben Toren. Nun winkt der erste Halbfinaleinzug bei einem Großereignis seit 2008, sogar eine Medaille ist plötzlich in Reichweite.
„Für mich ist das ein Endspiel“, hatte Sigurdsson vor dem Duell mit dem viermaligen Olympiasieger in Breslau erklärt. Doch erwischte seine Mannschaft einen schlechten Start. Nach einigen überhasteten Aktionen im Angriff und Unaufmerksamkeiten in der Abwehr lag die DHB-Auswahl mit 0:3 (3. Minute) zurück.
Doch vor 6200 Zuschauern kämpften sich die Deutschen zurück ins Spiel und ließen sich auch von den vielen Fehlentscheidungen der schwachen Schiedsrichter aus Portugal nicht beirren. „Da waren komische Entscheidungen dabei“, sagte Sigurdsson.
Aber auch eine 25:20-Führung (45.) bedeutete noch nicht die Entscheidung. Russland glich zum 26:26 (52.) aus. Doch die DHB-Auswahl hatte das bessere Ende für sich und träumt jetzt vom ganz großen Wurf.
