HELLE - „Aurellio“ schnaubt und scharrt ungeduldig mit den Hufen. Die Fliegen ärgern ihn, aber der Rappe merkt auch, dass heute ein besonderer Tag ist: Seine Mähne ist eingeflochten, der Schweif schillert, und das Fell glänzt in der Sonne. Weinrote Bandagen schützen seine Fesseln, farblich passend dazu die Decke, auf der der schwarze Sattel liegt.

Und ähnlich elegant sieht seine Besitzerin aus: Birgit Waetcke-Rach trägt eine taillierte Weste und eine weiße Bluse, eine ausgestellte schwarze Hose und einen spanischen Hut. Das Ganze kommt dem einen oder anderen vielleicht auch spanisch vor, erinnert es nicht unbedingt an norddeutsches Reiterflair im ammerländischen Helle. Dort will Birgit Waetcke-Rach heute einmal erklären, was es mit dem Barockreiten auf sich hat.

Tatsächlich denkt so mancher als Erstes an Damen mit weißen Perücken auf geschmückten Pferden, „doch Barockreiten ist viel mehr als Kostümreiten“, sagt Birgit Waetcke-Rach. Sie muss es wissen: Seit ihrem neunten Lebensjahr ist sie begeisterte Reiterin. Bis vor zehn Jahren bevorzugte sie die moderne Reitweise – also das, was wir von Olympia und Isabell Werth kennen.

Durch einen Zufall landete sie damals auf einem Friesenpferd, das barock ausgebildet war und verliebte sich prompt – eine Liebe, die stetig wuchs und 2007 Jahr einen Höhepunkt erreichte: Da organisierte die 50-Jährige das erste Barockpferdefestival in Helle mit spanischer Nacht, einem großen Showprogramm und Turnier. „Es war eine so tolle Atmosphäre, fast schon familiär“, erinnert sich die Organisatorin. Kein Wunder also, dass sie sich erneut an ein solches Festival herantraut: Im April trifft sich auf der Anlage des RC Helle zum zweiten Mal die norddeutsche Barockreiter-Szene. Wer schon immer den Unterschied zwischen Piaffe und Pirouette kennen lernen wollte, ist dort gut aufgehoben. Und wer ein bisschen farbenfrohe Abwechslung sucht, kann sich auf ein Fest der Sinne freuen.

Inzwischen hat Birgit Waetcke-Rach „Aurellio“ auf den Reitplatz geführt. Allerdings schwingt sich die Frau nicht sofort in den Sattel, sondern beginnt mit der Bodenarbeit: „Alle Übungen, die ich später mit meinem Pferd reite, übe ich mit ihm zunächst am Boden.“ So lerne es ohne Reitergewicht in eigener Balance Lektionen vom Halt bis zur Piaffe. Diese Gymnastizierung sei ein wesentlicher Unterschied zur Dressur.

Allerdings: Einheitliche Richtlinien wie für die moderne Reiterei gibt es für das Barockreiten noch nicht. Waetcke-Rachs Ziel und das vieler anderer Anhänger ist es, das Pferd an der Hand und unterm Sattel in Leichtigkeit und Harmonie schöner werden zu lassen. Das geschehe vor allem durch Motivation und viel Zeit, die der Reiter in sein Pferd investiere. „Wer sein Pferd aus der Box zieht, es reitet und wieder wegstellt, tut der Psyche seines Vierbeiners keinen Gefallen“, meint Waetcke-Rach.

Abwechslung ist also das Stichwort. „Aurellio“ ist ein gutes Beispiel: Er wirkt aufgeweckt, zufrieden und motiviert. Der vierjährige Wallach ist ein Lusitano. Wie die Friesen, Knabstrupper und Lipizzaner gehören Lusitanos zu jenen Pferderassen, die sich besonders für das Barockreiten eignen: Sie haben kurze breite Rücken und einen hochaufgewölbten Hals, eine runde, kräftige Kruppe (das Kreuz) und eine lange Mähne. Der Fachmann drückt es etwas unromantischer aus: Das Pferd hat eher die Form eines Quadrats, das typische Reitpferd von heute hingegen ist eher rechteckig. „Aber letztlich ist jedes Pferd geeignet“, sagt Waetcke-Rach.

Die Wurzeln des Barockreitens reichen bis in jene Kriege zurück, die auf Schlachtfeldern entschieden wurden. Dort mussten die Pferde auf feinste Hilfengebung reagieren und bestimmte Lektionen wie beispielsweise die Kapriole, bei der das Pferd mit der Hinterhand ausschlägt, wurden als Waffe gegen den Feind eingesetzt. Die Waffenreiterei verlor nach 1700 an Bedeutung – die Pferde allerdings nicht.

So war die Reitkunst im ausgehenden Barock des 18. Jahrhunderts kein Kriegshandwerk mehr, sondern ein Vergnügen für den Adel. Heute, im 21. Jahrhundert, soll die Barockreiterei vor allem die Freude in den Reitsport zurückbringen. Deshalb hat sich Birgit Waetcke-Rach für das Barockreiten entschieden, missionarisch ist sie deshalb noch lange nicht. Tochter Jana ist im modernen Turniersport unterwegs, Ehemann Rainer dürfte in diesen Tagen über einen ordentlichen Muskelkater klagen: Er hat gerade seine ersten Reitstunden hinter sich.