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NWZonline.de Sport

Überflieger mit privaten Abstürzen

05.02.2019

Helsinki Matti Nykänen steht auf einer kleinen Bühne in Helsinki, Schweiß auf der Stirn, er grölt seinen größten Hit ins Mikrofon. „Lennä Nykäsen Matti“ singt der wohl beste Skispringer der Geschichte am Freitag in der Bar Ravintola Pallogrilli, „flieg, Matti, flieg“. Das Publikum, mit Biergläsern in der Hand, brüllt die nächste Zeile mit: „Tule elävänä takaisin“ – „Flieg, und komm lebend zurück.“ Keine drei Tage nach seinem letzten Auftritt ist der große Finne tot.

Nykänen, der „Maradona des Skispringens“, verstarb in der Nacht auf Montag nach einem turbulenten Leben mit nur 55 Jahren, die Todesursache ist noch unbekannt. Vor einem Jahr war bei ihm Diabetes diagnostiziert worden. „Das ist schockierend, eine schlimme Nachricht“, sagte sein langjähriger Konkurrent Jens Weißflog. Nykänen und Weißflog hatten über Jahre das Skispringen bestimmt, bei Olympia 1984 in Sarajevo „haben wir uns die Medaillen geteilt“, so Weißflog. Vier Jahre später in Calgary holte der Finne bei drei Starts sogar dreimal Gold.

International dürfte Nykänen daher bis heute einen größeren Namen haben als Weißflog. „Matti war der Held, ein Idol für Generationen“, sagte Sportdirektor Clas Brede Brathen vom finnischen Skisprungverband: „ Jeder wollte so springen wie Matti.“

Nykänens Karriere liest sich zunächst wie ein Skisprung-Märchen. Mit 18 gewann er die WM, mit 19 die Vierschanzentournee, mit 20 Olympia-Gold in Sarajevo. Doch später folgte der tiefe Absturz des Überfliegers. Der Alkohol, die Frauen, das Herz. Die Hölle sei nicht so schlimm „wie mein Leben jahrelang war“, sagte der gefallene Held 2012 in einem Welt-Interview.

„Nykänen hatte diese Genialität leider nur auf der Schanze, im Leben war er etwas verloren“, sagte Bundestrainer Werner Schuster einmal. Da hatte der Finne gerade seinen Uralt-Rekord von 46 Weltcup-Siegen an Gregor Schlierenzauer verloren. Nykänen reiste daraufhin zum Springen nach Kuopio, um dem Österreicher persönlich zu gratulieren: „Gregor, du bist jetzt ein ganz großer Skispringer. Für mich der größte aller Zeiten.“ Das war höflich, aber nicht unbedingt richtig. Vier Olympiasiege wie Nykänen hat Schlierenzauer nicht. Vier Triumphe im Gesamtweltcup auch nicht.

Doch all die Titel halfen Nykänen im richtigen Leben nicht weiter. In seinem Wikipedia-Eintrag finden sich mehr Zeilen über die Zeit nach der Karriere als über die Jahre als Sportler. Die meisten handeln von Skandalen. Von Scheidungen. Von einer Vorstrafe wegen Körperverletzung, weil er seine fünfte Ehefrau mit einem Messer attackierte. Von seiner Zeit als Stripper, als Sänger und als Darsteller in Erotikvideos. Von einem Herzinfarkt im Jahr 2004. Und immer wieder von Alkohol.

„Wenn du trinkst, lebst du wie in einer Blase, siehst keinen Sinn“, sagte Nykänen der „Welt“ und versuchte sich an einer Erklärung: „Ich stand viele Jahre im Mittelpunkt, alle haben sich um mich gerissen. Ich hatte es satt, es war zu viel. Ich war sehr jung, als ich erfolgreich geworden bin, die Medien waren die ganze Zeit um mich herum – ich hätte Hilfe gebraucht.“

An Nykänens Heimschanze in Lahti wurden die Fahnen am Montag auf halbmast gesetzt. Am nächsten Wochenende macht dort der Weltcup Station. „Wir werden Matti und sein Andenken an diesen Tagen ehren“, teilten die Veranstalter mit.

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