HUDE - Bernd Stolle spürt seit Tagen ein Kribbeln im Bauch, an diesem Mittwoch erreicht die Anspannung ihren ersten vorläufigen Höhepunkt: Sein Lieblingsfußballverein, der Hamburger SV, trifft am Abend im Halbfinale des DFB-Pokals auf Werder Bremen. Es ist das erste von vier Duellen, in denen sich die beiden Nordrivalen innerhalb von 19 Tagen gegenüberstehen. Nach dem Spiel um den Einzug ins deutsche Pokalfinale stehen am 30. April (in Bremen) und am 7. Mai (in Hamburg) die Halbfinalpartien im Uefa-Cup an, ehe es am 10. Mai beim vierten Aufeinandertreffen für den HSV im Bremer Weserstadion um wichtige Bundesliga-Punkte im Kampf um die Meisterschaft geht.
Bernd Stolle ist Ende der 70-er Jahre, zu Zeiten, als Kevin Keegan für den HSV wirbelte, Fan der Hamburger geworden. Nach langer Durststrecke – der letzte DFB-Pokalsieg liegt 22 Jahre, die letzte Meisterschaft 26 Jahre zurück – hält Stolle den HSV „reif für einen Titel“: „Die Mannschaft präsentiert sich als Einheit ohne Stars, Trainer Martin Jol leistet in der Tradition von Ernst Happel hervorragende Arbeit – ein Titel wäre in dieser Saison verdient“, findet Stolle. „Große Euphorie“ hat er unter den in Hude zahlreich vertretenen HSV-Fans ausgemacht. 1:1 werde es heute nach 90 Minuten stehen, prophezeit Bernd Stolle, in der Verlängerung werde sich sein Klub aber mit 3:1- Toren durchsetzen. Die Chancen für die Uefa-Cup-Spiele taxiert er auf 50:50, „die Tagesform wird entscheiden“.
Keinen Favoriten in den Duellen kann auch Axel Jahnz erkennen – Hudes Bürgermeister ist bekennender HSV-Anhänger, hat aber „kein gutes Gefühl“. Er fürchtet, dass seinem Verein in der entscheidenden Saisonphase die Luft ausgehen könnte. Werder hingegen könne sich nur noch über die Pokalwettbewerbe fürs internationale Geschäft qualifizieren und habe dort zuletzt immer gut und konzentriert gespielt. Trotz negativer Vorahnungen mag Jahnz nicht gegen seinen Klub tippen: „Der HSV gewinnt heute 1:0, verliert im Uefa-Cup zwar mit 0:1 das Hinspiel in Bremen, setzt sich dann aber 2:0 im Rückspiel durch.“
Unter den Werder-Fans wäre man froh, wenn die Grün-Weißen wenigstens ein Finale erreichen würden. Tjalf Schröder, Mitbegründer des Huder Fanclubs „Supporters“, hofft heute Abend auf einen 3:1-Erfolg Werders – etwa 15 Club-Mitglieder werden Thomas Schaafs Mannschaft in der Hamburger Arena anfeuern. Schröder selber wird beim Uefa-Cup-Hinspiel im Weserstadion dabei sein, hat für diesen Wettbewerb aber nicht so viel Hoffnung. Genau anders herum schätzt Stefan Klattenhoff die Lage ein: „Wegen des Heimvorteils der Hamburger bin ich für heute Abend skeptisch, vor allem Mladen Petric macht mich nervös“, gesteht Klattenhoff. In den zwei Uefa-Cupspielen werde sein Team aber die Oberhand behalten, ist der Werder-Fan überzeugt. Und dann im Finale in Istanbul den Pott holen? „Klar“, nickt Klattenhoff.
Und wie beurteilt ein alter Weggefährte von Thomas Schaaf und Klaus Allofs Werders Chancen? „Es wäre schön, wenn sich Werder und der HSV die Siege im DFB-Pokal und Uefa-Cup aufteilen könnten, aber ehrlich gesagt sehe ich für Werder schwarz“, macht Hans-Jürgen Gundelach (45) seinem Ex-Verein wenig Hoffnung. Werder ist dem ehemaligen Bundesliga-Torwart, der von 1992 bis 1997 in Bremen unter Vertrag stand und seit 1996 in Hude lebt, nach wie vor der „absolut liebste Verein“, trotzdem wähnt er den HSV im Vorteil: „Bei denen beißen und kämpfen die Jungs bis zum Umfallen. Werder ist von Diego und Pizarro abhängig – wenn die nicht treffen, dann passiert nichts.“
Im Weserstadion ist Gundelach schon seit Jahren nicht mehr gewesen – wegen eines Streits mit Willi Lemke. Er verfolgt die Partien zu Hause im Fernsehen. So wie HSV-Fan Bernd Stolle, der sich mit sieben Gleichgesinnten vor dem Bildschirm einfinden und lautstark mitfiebern wird. Tochter Rieke hingegen wird dann gemeinsam mit der französischen Austauschschülerin, die zurzeit im Hause Stolle zu Gast ist, lieber das Weite suchen...
